Verlierer

AfD-Bashing

Verlierer

Die Wahl ist zu Ende und das Ergebnis ist unschön. 13% AfD. Im Osten teils die absolute Mehrheit. Gruselig für manche Hochburgen der Grünen. Nun distanziert sich alle Welt in einem großen Empörungsakt wohlfeil von der AfD und deren Proteststimmen. Am liebsten in sozialen Medien, das geht am schnellsten. Man hat ja keine Zeit, es real kundzutun. Digitale Gewissensberuhigung, man selbst war nicht schuld, denn man gehörte zu den 87% die sich tugendreich und sittsam entschieden haben. Die Moral und Ethik auf der eigenen Schulter wiegt schwer genug, man tut alles für eine harmonische Welt, wo diffuse Ängsten noch selbstbewußt begegnet wird, wo die Welt in Zukunft digitaler und grüner werden muß.

Nur in der realen Welt, wo die politische Willensbildung nicht nach Interessen, Unterstützern und Freunden sorgsam von Facebook & Co ausgefiltert ist, wo in der digitalen Peergroup sicher keine Nazis sind (längst “defriended”, ist ja klar, man wäre ja sonst von den anderen Tugendwächtern angreifbar), legen alle die Hände in den Schoß. Sich vor Freunden “halböffentlich” als AfD Hasser zu outen, wo sicher keine Supporter sind, ist ein seltsam unnützes und mutloses Bekenntnis. Zu was? Zu weniger Fremdenhass? Was soll es bezwecken, wenn man 13% noch klarer macht, dass man sie so nicht “gebrauchen kann”?

Wer redet dagegen mit Männern im Alter 50+ in Pirna oder Görlitz, wo weder Ort noch Biographie eine Perspektive bieten, die positives verheißt? Wer kann da als Vertreter von CDU, SPD bis Linken den Menschen erklären, warum man Flüchtlingen applaudierte am Bahnhof und auf Sie, die Veränderungsresistenten, die Ängstlichen, die Vergessenen, schimpft?

Diese Menschen haben nicht nur diffuse Ängste vor Ihrer eigenen Zukunft, ob nun keine Rente, kein Job, Angst vor Überfremdung oder soziales Abseits. Sei stehen auch teils im Abseits. Es gibt eben auch genügend in unserem Land, die nicht stark genug waren, sich anzupassen, von Freunden und Familien für den Job wegzuziehen, nach 1990 wieder umzulernen – als wäre das ja so einfach. Da ist man hilflos und lieber wütend auf das Fremde, auf andere als auf sich selbst. Das zu verneinen, dass da einfach vieles verloren ist und auch nicht zu retten ist, heißt diese Menschen noch mehr auszugrenzen, als sie schon jetzt sind. Auch Deutschland hat viele, die bei uns nicht mehr mitkommen oder einfach sauer sind – ob uns das paßt oder nicht.

Neben den liberal-nationalkonservativen und reinen Proteststimmen unterstützen also auch Nazis die AfD. Löst die CSU das Problem, wenn Sie nun also das Fremde wieder lernt das Fremde auszugrenzen – nur damit die Radikalen in der CSU domestiziert werden? Auch ein Dilemma, das keiner adressiert. Wer nimmt die Männer aus Pirna denn auf in Ihre Partei und verspricht Ihnen eine Zukunft, wo keine ist?

Und diese indirekt Ausgegrenzten, die Identitätsschwachen, die Protestler, die Wutbürger – die werden auch bei der nächsten Wahl empfänglich sein für alle, die einfache Lösungen mit dem Vorschlaghammer bieten. Das hat nichts mit Dummheit zu tun, das ist pure Emotion und Psychologie. Einfach, weil es besser ist gegen die Anderen zu sein, die einen “vergessen haben”, als einfach die Klappe zu halten, weiter depressiv zu sein oder aufzugeben. Das ist nämlich psychologisch noch irrationaler, da ist Selbstmord ähnlich vielversprechend, es ist besser als besoffener Nichtswähler zu sein, der mit allem abgeschlossen hat. Ist das nicht menschlich, auch wenn es unschön ist? Und ist Protest da nicht eine sinnvolle Art und Weise, seine Stimme zu verwenden? Ich kann nicht erkennen, wie in einer echten Demokratie, in der man sich im normalen Parteispektrum nicht vertreten fühlt, die Protestwahl nicht eine legitime Wahl ist. Besser als gar nicht zu Wählen in jedem Falle.

Was stört die Protestwahl also den Rest? Sie muß natürlich stören. Weil es die heilere Welt der Globalisierunnsgewinner, die tugendreicher gewählt haben, unschön braun macht zum Beispiel. Wie kommt das an, wenn man beruflich in die ganze Welt exportiert und zu Hause wieder braunen Anstrich in der Welt vermarkten muß? Das ist doof zu erklären, macht nur Probleme. Der sittsame Rest, die 87% – das sind leider auch die Gewinner, die sich einfach nicht mehr für sie interessierten wollen. Die so oder so den Mund halten, weil sie einen guten Job haben, gut verdienen und Politik sowie ein notwendiges Übel ist. Deutschland war selten so unpolitisch, so desinteressiert an seinen Problemen, gerade weil es trotz aller globalen Verwerfungen uns ja gut geht. Also uns, den 87%, die weniger Zukunftssorgen als die 13% haben.

Also wird weiter ausgregrenzt und das wiederum passt selten in das eigene Moralisierungskonzept der 87%. Ich kann da einen Moment verstehen, wenn auch nicht gutheißen, dass “Gutmensch” für sie eher ein Wort ist, dass für “Gewinner” steht – den man im Grunde vielleicht gar beneidet. Gutmenschen sind so satt und tugendreich, sie können sich sogar eine Moral leisten, während wir hier absehbar kaum was zu fressen kriegen. Moral als Luxusgut?

Es scheint, wir haben es wieder gelernt uns auszugrenzen. Unter dem Mantel der Tugend, quasi unsere eigene Trump Lektion. Solange man potentiell Gewinner ist, werden die Verlierer geächtet. Das ist auch ein stückweit Ausdruck einer Wettbewerbsgesellschaft, wo die Schwachen, die Ängstlichen und Vergessenen mehr Ballast sind. Wir verleugnen, was uns die Moderne und selbst die domestizierte Form des Kapitalismus, unsere soziale Martkwirtschaft, abverlangt, um dabei zu bleiben. Dabei fragen sich doch viele, wie sie mit dem Tempo weiter schritt halten sollen, sobald sie nicht mehr 20+ sind. Also ab in den Sack und draufgehaut? Das ist genauso die einfache Lösung, die auch die AfD Unterstützer hatten – besser ausgrenzen und ablehnen als Probleme angehen.

Am Sonntag haben die 13% sich geäußert -durch Ihre legitime Stimme. Denn die sind noch da. Das hätten die anderen nur lieber vergessen. Erinnert es sie ja auch ein stückweit daran, dass auch sie mal Verlierer sein könnten.

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