Mesut Özil oder Rassismus vs. Diskriminierung

Mesut Özil war sich sicher: Der DFB habe ihn nicht vor rassistischen Beleidigungen und Anfeindungen geschützt. Seine Führungspersonen wie Präsident Grindel seien offensichtlich selbst dem Rassismus zugeneigt. In der erregten Debatte, ob denn Mesut Özil, die Türken im Allgemeinen und im Besonderen integriert oder gar assimiliert werden müßten, stimmt die Mehrzahl der Deutsch-Türken zu: Ja, wir werden rassistisch beleidigt. Und ja, wir sind nicht gleichwertig für den Rest der deutschen Gemeinschaft. Aber ist Rassismus denn nicht gegenüber einer Rasse und nicht gegenüber Nationen oder Volksstämmen? Gibt es sowas wie rassistische Kultur?

Rassismus ist eine Erfindung, eine Ideologie, die in äußeren Merkmalen eines anderen, die anders sind als man selbst, versucht Unterschiede zu erklären und ist so der Kern von negativer Abwertung bis hin zum Hass. Die Türkei kennen diese Art von Ausgrenzung sehr gut, sie üben sie bis heute immer noch stark an den Aleviten als auch den Kurden aus, sie zeigen sich rassistisch gegenüber den Juden als auch den Arabern. Kultiviert durch Erdogans Hasssprech und Beleidigungen, wird dieser Rassismus natürlich auch auf sich selbst übertragen. Dabei ist der spezifisch deutsche Rassismus sehr vielgestaltig. Keine Frage, Özil hat aus bestimmten Kreisen rassistische Beleidigungen und Angriffe zu verwinden gehabt. Das ist aber nur der eine Teil des Spektrums. In Deutschland ist die rassistische Beleidigung der Hautfarbe eigentlich seit Jahren durch die Political Correctness derart verurteilt, dass sich andere Wege gesucht und gefunden wurden. Die spezifisch deutsche Beleidigung ist die der sozialen Schicht und Klasse. Diese sucht zunächst den Weg der Bildung, Fehler in Aussprache oder Grammatik gelten als klares Merkmaler sozialer Unterschichten. Die finanzielle Armut ist der nächste Pfeiler dieser Ideologie, auch hier übt man negativen Druck aus nur weil eine Person finanziell aus der Gruppe zu fallen droht. Oft besonders stark ausgeübt von der Person, die kaum reicher ist als die andere, während sich die beständig Reichen oder neureichen Personen da eher großzügig zeigen können. Mit einer ungebildeten Familie aus der sozialen Unterschicht ist man in Deutschland besonders ausgegrenzt – diskriminiert, denn dies hat Folgen für die Chancen der Kinder, wie Studien immer wieder belegen müssen. Die Chancen auf Abitur oder Studium sind schlecht, die Chancen auf gute Jobs ebenso. Das haben leider viele türkische Familien in Deutschland erfahren müssen, die schon in der Türkei zu einer relativ armen Schicht gehört haben und nun in Deutschland stets besonderes Ziel der Diskriminierung und des Rassismus waren. Der “Türkenwitz” war genauso ein reinigendes Gewitter für die hassende Seele wie der Ostfriesenwitz, der auch im Kern diskriminierend oder rassistisch war. Bayernwitze, Preußenwitze – Deutschland hatte immer, wie jedes andere Volk auch, einen Weg gefunden, wie es innere Spannungen und seinen harten Wettbewerb um Gleichheit, wo keine Gleichheit sein kann, durch Hass und Diskriminierung zu entladen. Wer nun in der Özil Debatte sagt, im Kern sei Erdogan schlimmer und entsprechend habe er sich zu distanzieren von diesen Despoten, der verkennt, wie tief eingebrannt die Wunden sind, die Diskriminierung und Rassismus in einer Jugend in Gelsenkirchen oder Hannover hinterlassen haben. Sie prägen ein ganzes Leben. Und jede Handlung, selbst wenn man Millionär in England ist. Man könnte entspannt sein, doch Erdogan zeigt, dass man die Spannungen auch nutzen kann um seine eigene Macht zu zementieren. Man muß nur verdorben genug sein, um nicht daraus zu lernen, dass Attacken und dauernder Hass immer mehr davon produziert. Erdogan selbst wurde auch diskriminiert – in Istanbul, als armer Junge aus schwierigen Verhältnissen. Dieser Hass setzt enorme Energien frei, kombiniert mit Talent bricht er sich Bahn und scheint als Quelle des Antriebs auch im hohen Alter nicht zu versiegen. Man schaue sich Mesut in der Jugend an (siehe Video) – ein zurückhaltender Junge, der spät Deutsch gelernt hat und in seiner Familie sicher kein Deutsch sprach – aber glauben Sie, dieser Mann ist motiviert durch Hass? Ich denke nicht, er ist sicher stolz, aber keiner, der ausdauernd hasst – aber ich bin mir recht sicher, dass jemand genau mit dieser Motivation, vielleicht sein Berater, diesen Hass in sich trägt und ihn nun kultiviert hat. Und vielleicht ist es auch alles nur ein tragischer Moment, weil verletzter Stolz dazu führt, dass man überreagiert. Anders bei Erdogan – das ist es Methode und sich davon abzugrenzen wäre auch mit Respekt und Stolz möglich gewesen – doch dazu ließ man Özil auch recht wenig Raum. Geschäftliche Interessen kamen hinzu, eine unselige Mischung, von der man ihm abgeraten hätte, wenn seine Berater nicht genau nach dieser Nähe gesucht hätten. Sein Jugendtrainer kann viel zur Aufklärung über den Mensch Mesut Özil beitragen, denn ein Mensch ist er und das hat ihn auch dazu gebracht, dass zu tun was er getan hat. Er mag zurückhaltend sein, aber er ist stolz und mit dieser Kränkung hätte man anders umgehen können, wenn der DFB nicht von derartigen Pfeifen geführt würde.

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