Trumps politisches Genie

Trump brüskiert. Trump schreit auf Twitter ohne Unterbrechung seine Tiraden in die Welt. Und er hat eine klare Agenda: Nationalistisch, auf sich selbst fokussiert, unilateral statt multilateral. Militärisch stark, aber seine Bündnispartner unter Druck setzend. Aber vor allem Entsetzen, vor dem Ekel verlieren die Europäer eines aus dem Blick: In der neuen Ordnung sind sie diejenigen, die unter Druck stehen. Trump fokussiert seine Tiraden auf Deutschland, denn das schwächt effektiv Europa am stärksten.

Man kann die Essays kaum noch überblicken, die in vielseitiger Form Kritik am amerikanischen Präsidenten üben. Und sicher ist sie berechtigt: Seine Politik ist im europäischen Sinne weder solidarisch noch sozial, sie ist amoralisch, eine Agenda für Gewinner, eine Agenda für die eigenen Interessen und das eigene Portemonnaie. Sie ist aber auch libertär in Ihrer radikalsten Form, sie spricht nur vom Gewinnen und sie hasst das Verlieren. Sie kennt keine Welt ohne Wettkampf, ohne die Suche nach Mehr und noch mehr. Goldene Paläste, Privatjets, Trump erfüllt das Klischee vollständig eines Mannes, dem das Ego nie groß genug werden kann, der niemals satt ist und der immer mehr will. All das als einfache Antwort um im Kern wirtschaftliche und soziale Fragen. Ob er sich damit befriedigt oder nicht, auch dies ist der Tatbestand der Kritik es will auf die moralische Verfehlung, auf die nicht beachtete “politische Korrektheit” hinaus, die so kennzeichnend für Europa ist. Die Schwachen genießen hier Schutz, bei Trump werden die Schwachen gejagt und sind die übelsten Verschwörungstheorien gut genug, um seine politischen Unterstützer in der “Altright” zu mobilisieren. Nie würde dieser Präsident etwas tun, was auf der Agenda der Political Correctness – Generation der 68er und BabyBoomer steht.

Man kann sich weiter in der Kritik geradezu verlieren: Seinen Politik ist zynisch, eine Milliardärsagenda, bei der die Leugner des Klimawandels das Wort haben. Sie tritt das Paris Abkommen mit Füßen, weil ein paar Freunde Milliarden mit Fracking gemacht haben. Er nennt die Energieform der Frühindustrialisierung “beautiful clean coal”, so, als wenn das möglich sei. In jedem Ministerium kann man sich umsehen und vor Schrecken abwenden: Bettsy de Vos, eine weitere Milliardärin, ruft Privatschulen als die Lösung für bessere Bildung der Elite aus. Der Zugang zur Bildung wird liberalisiert, aber Arme verlieren damit automatisch Ihre Chancen für den gesellschaftlichen Aufstieg. Und es mag den europäischen Vertreter absurd vorkommen, doch Trump bedient einerseits die Agenda der Verlierer, die er in Heerscharen nicht nur im Rustbelt um sich gesammelt hat. Alle Wütenden, alle, die die neue “grüne Welt” für Schwachsinn halten, die klare Regeln brauchen, die die Probleme nach den alten Sündenbockmustern im Islam, bei ISIS oder im “Deep State” verordnet sehen, sie finden Ihren Stoff bei InfoWars, bei Fox and Friends und eben bei Trump.

Rein faktisch, ohne diesen moralischen Überbau aus der europäischen Wohlfahrtsstaatsethik (insbesondere katholisch geprägt), siegt aber Trump. Während die anderen entsetzt sind, verlieren sie den Anschluss. Trump beherrscht das Agenda-Setting, seine Themen diktieren die Medien und er versteht die Medien besser zu nutzen als jeder Präsident vor ihm, wie es scheint. Und die Medien, fasziniert vom Dunklen und ein stückweit auch zu faul, eigene Themen anderswo zu setzen, setzen voll auf Trump. Trump ist die Schlagzeile, Trump ist überall. Traurig für die, die die Welt für besser hielten, als sie ist. Viele Menschen glaubten, dass Menschen zivilisierter seien, dass sie differenzierter Denken, als sie es in dieser unübersichtlichen, komplexen Welt wirklich vermögen. Wer im harten Wettbewerb um Jobs und mehr Einkommen seine Energien verbraucht, dem fehlt die Zeit und die Energie, um noch den Überblick zu behalten. Trump zeigt Ihnen nicht die Welt, aber seine Botschaften sind immer klar, immer prägnant und sie bleiben das Thema. Und seine Themen sind die Themen, die er selbst auch braucht. Die Globalisierungsverlierer sind seine Basis, die einfache Arbeiterklasse ohne Perspektive, die den Kampfruf “Make America great again” ganz klar auf Ihr eigenes Ego münzten: Make ME great again, als ich noch kein Verlierer war. Der größte Motivator, die größte Energie macht dabei der wohl dosierte Hass frei: Selbst wenn ich verliere, dann ist es immer noch besser, die anderen, die aktuell die Gewinner sind, verlieren auch. Ausgerechnet die professorale, akademische Mittel bis Oberschicht hat das Gefühl dafür verloren, was es heißt, wenig zu verdienen. Dass auch sie mithalten wollen, streitet Ihnen niemand ab. Doch wenn die PC-Elite davon spricht, dass bspw. der Diesel wegmuß, weil er stinkt, aber das Elektroauto unerschwinglich ist, dann ist das nicht eine kleine Lapalie, sondern sowas ist eines der vielen Beispiele, die die Unterschiede zementieren und die unserer Gesellschaft klar machen, dass nicht jeder alles haben kann. Und dies, obwohl die Werbung “weil Du es Dir wert bist” weiter verspricht. Das geht soweit, dass es zu einer Agenda des Selbstmords für seine Basis zu werden scheint. Es war kaum zu glauben, doch selbst wenn die von Trump selbst verhängten Zölle auf Stahl und Aluminium dazu führen, dass amerikanische Firmen Ihre Produktion rasant schnell ins Ausland verlagern, erzeugt das keine Zweifel bei seinen Unterstützern. Selbst seine Wähler, die dadurch einen Arbeitsplatzverlust erlitten haben, würden das niemals Ihrem Idol Trump ankreiden. Es scheint, sie sehen es nur als momentane Niederlage in einer Schlacht, an der sie am Ende wieder die Gewinner sein wollen und werden. Weil sie so fanatisch seine Slogans kandidieren: “Lock her up! (Hillary Clinton)”, “Drain the swamp!”, “Make America great again (Nixon, Reagan)”. Die Outsiderthese, nachder man dort seine Basis findet, wo der kleine Mann auf der Straße keine Lösung mehr sieht außer einfachen Lösungen, hat Trump nicht erfunden. Schon Nixon führte seine Reden für die “silent majority”, weil auch er gemerkt hat, dass diese Wähler eben den Unterschied machen können. Die Mobilität zwischen Demokraten und Republikanern war nicht groß, niemand nahm der anderen Partei viel ab – aber die Probleme der aktuellen Zeit finden Ihre Lösungen plötzlich scheinbar bei der Altright, bei dem dritten Weg, bei den Neutralen, bei den Outsidern, beim Non-Establishment. Und diese setzen mit Wucht Ihre Energien frei. Doch für Europa ist das keine Chance, es ist eine große Bedrohung, denn nicht nur Trump, auch andere, die diese Agenda bedienen, bedrohen die Zukunft Europas. Und sie erkennen nicht, dass sie sich in langwierigen Diskussionen verheddern, während Trump die Themen schneller setzt, als sie gucken können. Die AfD schaut sich das ab, die italienischen Populisten wie Salvini, der kleine ungarische Diktator Orban, überall finden hier einfache Lösungen, Populisten und Autokraten Ihren Bodensatz, der Ihnen hilft, zu wachsen und den etablierten Parteien die Themen wie die Antworten zu nehmen.

Vor allem Ekel über die Amoralität Trumps, vor dem Widerwillen gegenüber seiner Agenda, seinem Stil und seinen Tiraden fällt immer mehr auf, dass sämtliche Staatsmänner, i.d.R. aus Koalitionen regierend und nicht auf Autokratien Ihre Macht bauen, auf der Verliererseite stehen. Sie verlieren, weil sie im inneren die Unterstützung verlieren, weil sie weder Themen noch Agenda mehr setzen können. Ihre komplexen, differenzierten Konsense, ihre Kompromisse, Ihr verantwortliches Handeln, alles dringt nicht mehr an den Wähler durch, er versteht es nicht als Interessenausgleich, sondern er fragt sich, warum seine eigene (Ego) Agenda nicht der Maßstab Nr. 1 ist. Trump zeigt, wie es geht: Ich bin König, ich mache die Themen, ich setze mich durch, koste es was es wolle. Das liebt Wall Street, das verstehen Generäle, das ist klar, egal, welche Folgen es hat. Trumps Agenda sieht weder Weltfrieden noch Wohlstand für Alle vor. Trump glaubt nicht an die Welt, er ist kein Utopist, sondern pessimistisch zynisch. Weil er keine gemeinsame Zukunft kennt, baut er seine Eigene. Eine Ideologie des Gewinnens, während anderen halt verlieren. So what, fuck ’em!

Trump ist ein politisches Genie, weil er in gewisser Weise furchtbar effektiv ist. Seine Agenda ist einfach und klar, seine Rhethorik so unsäglich direkt, dass sie den Gegner nach Luft japsen lässt. Seine Tricks manipulativ, seine Rhethorik gemein, aber wirkungsvoll. Dagegen scheint aktuell kein Kraut gewachsen. Und er setzt seine politischen Ziele 1 zu 1 um, selbst wenn er dabei das Land zerstört, an dass er eh nie geglaubt hat. Peinlich, aber unsere gewählten Vertreter bauen Ihre Macht auf Kompromissen und Konsens, damit sind sie in der schwierigeren Ausgangslage. Moege die Geschichte der Vernunft, dem Konsens und der Gemeinsamkeit den Sieg bringen, aber aktuell sieht es eher nach klarer Niederlage aus, ausgerechnet in den westlichen Demokratien, denen die Antworten auf die Globalisierung, den Kapitalismus und den Wohlfahrtsstaat entgleiten. Es ist enttäuschend für viele Europäer, aber unter Ihnen verstehen viele einfach nicht, was der Sinn der Migration, der globalen Konkurrenz und all das Fremde soll, wofür es am Ende wirklich gut ist, wenn in Ihren Schulen die Ressourcen für Unterrichtsmittel, Infrastruktur und Lehrer fehlen. Diesen Verrat haben die konsensualen Demokratien begangen, denen die Rente wichtiger war als die Zukunft. Wer die Zukunft nicht beschreibt, der überzeugt niemanden. Und das Allerschlimmste ist, dass Europa vor Eitelkeit und moralischem Überlegenheitsgefühl nicht mal konstatieren will, dass die politischen Korrekten, die Konsensualen, die Kompromisseschmieder, aktuell die Verlierer sind. Deutschland und Europa stehen unter Druck, eine Verjüngung und Dynamisierung der Demokratien tut not. Während Trump die Welt brennen sehen will und die Welt noch stärker schröpfen möchte, mit besseren Deals, klarer Sicherheitsarchitektur der Starken und der Schwachen, das Klima weiter zerstört, schauen die anderen nur zu und haben keine Antworten. Seine Agenda ist ein Alptraum für die alte Weltordnung, aber sein politisches Genie “is winning”, er organisiert die Mehrheiten, die am Ende zählen. Nicht jammern, Attacke ist angesagt (mit Mitgefühl aber bitte). Ich bin sicher, ein Trump ist die beste Möglichkeit, wirklich bessere Politiker nach vorne zu bringen. An ihm werden sich die Verlierer weiter abarbeiten, aber die bestehende Elite wird das Ruder in Europa nicht mehr umreissen können.

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