Beckmann: Die soziale Stellung des Künstlers

Max Beckmann, Selbstbildnis mit Smoking (1927), 141 x 96 cm, Harvard Museum

Max Beckmann war kein Künstler des Klein-Klein, seine Forderungen an das Metaphysische zeigen sich in seinem souveränen, wie auch skeptisch blickenden Porträt von 1927. Die Kriegserfahrung liegt hinter ihm und dem jugendhaften Selbstbildnis von 1907 in Florenz. Er war angetreten, der Welt Ihre wahren Bilder zu geben. Welches Selbstverständnis muß ein Künstler haben, der derartige Werke schaffen will? Sein Selbstverständnis drückt sich darin aus, wie er die soziale Stellung des Künstlers in der Gesellschaft sieht. Beckmann hat sich in seinen Briefen dazu ausführlich geäußert, so in dem Brief an Karl Anton Prinz Rohan, dem Herausgeber der Europäischen Revue. Wenn er den Künstler umreißen solle, dann denke er an einen Traum, indem eine vermummte Gestalt mit radioleuchtenden Buchstaben zehn Grundstützen für Künstler an der Wand geschrieben habe. Dann ist diese “vermummte Gestalt mit graziösen Seiltänzerschritten und mißtönendem Hohngelächter auf einem Seil entschwunden”. Er, Beckmann, habe sich das notiert und hoffe, dass das geehrte Publikum genauso schauderhaft sich davon abzuwenden habe, wie er es tue: “Da sei das Talent, für sich Reklame zu machen, als erste Voraussetzung für das Künstlersein.” Der “Respekt vor Geld und Macht”, dann eine “schöne Geliebte” die könne “die umtriebigen Sektfabrikaten und Lederhändler in das Gefilde der Kunst und der Träume einführen”. Schädlich sei dagegen ein “kräftiges Rückgrat”. Die Mode wechsele zudem alle fünf Jahre, also müsse “der Künstler sich schnell an die neue Marschrichtung orientieren.” Das “heitere Künstlervölkchen” diene der “Erheiterung und dem Ergötzen der Mächtigen”, so spöttelt Beckmann weiter. Religion, Politik und Leben, das sei dem Künstler fremd! Nur so “lange wie seine menschliche Einfältigkeit feststeht, hat der Künstler Aussicht vom Publikum als bedeutend anerkannt zu werden.” Das vernichtende Resümee: Nur wenn er sich daran halte, würde es dem Künstler gut gehen im Leben. Das günstigste Ereignis sei am Ende der Tod, dann könne sich der “Mitmensch seines Werkes erfreuen”. So wird er ein geschätztes und nicht störendes Element im Staatswesen, dem seine Mitmenschen Liebe und Anerkennung zukommen lassen, die ihm gebührt.”

Also alles was Beckmann, der vielleicht größte Künstler des 20. Jahrhunderts, da verriss, das gibt den Hinweis darauf, wo im Negativ dieser Umschreibungen das wirkliche Wesen des Künstlers zu liegen habe. Daniel Kehlmann hat in seinem jüngsten Roman “Tyll”, dem kongenialen Erzählwerk über Tyll Uhlenspiegel in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, ein vielleicht ähnliches Charakterbild von dem entworfen, was der Künstler sein muß – er ist “der Narr”, im Shakespearschen Sinne “the Fool” – er ist von gleicher Stellung wie der König, denn nur er darf ihm alles sagen, ohne Rücksichten, ohne Moden, einfach alles und sei es auch noch so böse, frech und dreist, denn nur so ist es denkbar ein Fünkchen von Wahrheit zu schaffen. Das ist nur möglich mit der Narrenfreiheit, dem modernen Ursprung der Künstlerfreiheit. Künstler waren als Maler oder Bildhauer selten frei – in Bildnissen und Skulpturen in kirchlicher Tradition durfte man vielleicht rein handwerklich vieles tun, um Christus und die Kirche zu erhöhen, aber doch keine Kritik an der Macht oder dem Denken der Zeit zu üben. Beckmann will jedoch nicht einfach kritisch sein, er will ja auch nicht lobend sein, er will das wahre Bildnis schaffen. Dazu muß Kunst “unabhängig von Geld und Macht” sein. Die Unabhängigkeit des Künstlers von “modischer Strömung”, das “widerständige und irritierende Verhalten der Kunst gegenüber Staat, Gesellschaft und den Menschen”. Der Künstler hat sich bei Beckmann einfach in alles einzumischen, was er meint. Willfährige Künstler sind zu geißeln. Sie müssen reflektieren über das Leben, die Politik und die Metaphysik. Nur aus Unabhängigkeit heraus kann sie jenen kritischen Status gewinnen, der sie überhaupt erst legitimiert. Die sinnstiftende Aufgabe des Künstlers in der Moderne scheint hier auf.

Wie aberwitzig sich einige Künstler hiervon entfernt haben, ist sicher offensichtlich geworden – aber auch Sammler erkennen teilweise nicht, dass Ihre Funktion sicher nicht darin besteht, sich “Künstler zu halten” und Ihr eigenes Bild von der Welt in dieselbige zu senden. Kaum ein Künstler aber setzt sich noch in dieser Umfänglichkeit mit der Politik, dem Leben und der Metaphysik auseinander. Das liegt wohl auch am Verlust bestimmter geistiger Traditionen als auch die verschließende Auseinandersetzung mit einer modernen Welt, die sich nur im ökonomischem Prinzip verliert, aber dem keine Alternative mehr entgegen zu setzen weiß. Richter, Hirst, Koons – Ihre Aussagen zu der Welt sind gering, Ihre Werke haben gar nicht diesen Anspruch “Wahrheit zu zeigen”, sie sind von handwerklicher Perfektion, Zeitgeist und Design geprägt, aber entinhaltlicht und nicht selten kommerzialisiert. Und wie erkennt man den nächsten Beckmann, wenn die Lücke derart groß geworden ist? Rauch und Kiefer sind Deutsch, Beckmann war universell.

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