German Stegmaier: 3 Werke (1997-2018)

“Die Mathematik handelt ausschließlich von den Beziehungen der Begriffe zueinander ohne Rücksicht auf deren Bezug zur Erfahrung.” Albert Einstein

“German Stegmaier: Ein Minimalist ohne Prinzip und Pathos” Karl Bohrmann

“Hat dass Deine Tochter gemacht? Ist das schon fertig? Ist nicht Dein Ernst, oder?”

German Stegmaier. German als Vorname klingt nicht rund, eher sperrig und natürlich deutsch. “Ein Minimalist ohne Prinzip und Pathos” nennt Ihr Karl Bohrmann. Das bayrische Stegmaier hilft dem Betrachter aber auch nicht weiter, wenn er sich mit dem Künstler German Stegmaier auseinander setzen will. Die Reaktionen sind nicht ohne Grund teils drastisch. Wenn es Menschen gibt, die sich prinzipiell an moderner Kunst und Ihrer ästhetischen Unfertigkeit oder Unvollendung stoßen, die also die fotorealistische Malkunst als die Höchste ansehen, weil sie eben nur dass Bild sehen können, dann ist das für diese Menschen fast schon “UnKunst”. Was nicht schön sein kann, darf so nicht sein. Die Bilder sind nicht so einfach konsumierbar, sie sind sperrig. Sperrig, weil sie wie begonnen und unvollendet wirken. Sperrig und schwer erschliessbar, weil jedem Betrachter sein eigener geistiger Unterbau dafür im Wege steht. Und dann gibt es diejenigen, die die moderne Kunst wie die Kunst überhaupt lieben und eigentlich alles schon gesehen zu haben glauben. Wenn Sie Stegmaier sehen, fährt Ihnen nur ein “fantastisch” über die Lippen. Sie sind völlig aus dem Häuschen, ausgerechnet wegen der Ästhetik. Hier dann auch drastisch aus dem Gegenteil heraus, weil Stegmaier es sich das auch noch getraut hat. Stegmaier hat nichts geschaffen, was man nun vor sich sieht. Das Werk ist bereits erfahren worden. Stegmaier zeichnet eine Linie. Und wartet. Reflektiert. Zweifelt am Sinn einer Linie. Und das kann dann Jahre dauern, bis dieses Zweifeln wieder überwunden wurde und ergänzt wird um die nächste Linie, ebenso suchend und ändernd, radiert, ausgeschnitten, neu zusammengefügt. Der Prozess ist also das Werk und das Bild selbst ein Zwischenergebnis, wie es scheint. Denn das eigentliche Werk dauert an, solange er zeichnet und malt und zweifelt. Und reflektiert und sich wieder neu versucht.

Im 21. Jahrhundert ist Geschwindigkeit alles. Nanosekunden für die Übermittlung von Nachrichten, für Zwischenergebnisse. Aber was ist damit beendet, werden wir überhaupt noch fertig oder beginnen wir überhaupt etwas? Vermeer hat sicher ohne Umschweife Monate bis Jahre an einzelnen Werken gesessen, warum aber ist das heute schon beinah verboten lang? Das Thema alleine ist philosophisch derart umfassend, dass wir fast schon sagen müssen, dazu keine Zeit zu haben. Die Werke wirken so oft nur angedeutet, vielleicht teils kindlich gekritzelt, unbeabsichtigt sind die Werke aber nicht, nicht mal eine Sekunde lang ist das unbedacht geschehen. Vielleicht erklärt dies auch ein wenig den Zuspruch, den Stegmaier in Japan erfährt, dass alles mit Bedacht zu tun ist, das erinnert fast beinah an die Pflege eines Bonsais. Auch da ist das Werk selbst geradezu lebendig, es wächst und es wird gestutzt, die Reife einer Zeichnung dauert so genauso Jahre wie die eines Bonsai. Das Wesen einer Skizze ist in seinem eigentlichen zu erkennen, doch die Verzierung, die Verschörkelung und alles, was zum Überbau und zur Verschönerung genutzt wird, fehlt im üblichen Sinne vollständig. Und dann gibt es ein weiteres Detail, was einen noch mehr stutzen lässt. Die Werke werden über einen unglaublich langen Zeitraum erarbeitet. Wie die Rückwand verrät, gibt es selten ein Werk, dass innerhalb eines Jahres fertiggestellt wird. Die Zeichnung mit allerlei Quadraten (s.u.) hat Stegmaier 2011 begonnen, dann 2014 und 2016 weiter gearbeitet und erst 2018 zumindest vorläufig zum Erwerb für den Sammler fertiggestellt. Ich kenne nichts vergleichbares, was über einen derart weiten Zeitraum bearbeitet wird. Alleine dass regt zum Nachdenken an, wieso wir unsere Produktivität und Effizienz nur anders bewerten gelernt haben. Wir müssen zügig, viel und genau arbeiten. Tut dies Stegmaier auch oder äußert er damit schon etwas? Jeder weiß, was lange währt, wird gut. Aber warum ist das so? Warum brauchen wir so lange unsere Gedanken zu ordnen und sie mit dem Körper überein zu bringen, dass wir etwas von Gestalt schaffen können? Und brauchen wir nicht die Zeit und die Erfahrung, um eine einzelne Linie zu ziehen? Müssen wir uns nicht hundertfach im Kreise drehen, wenn wir die Linie unbedacht ziehen? Dies referenziert den Satz von Einstein, der in der Mathematik keine Rücksicht erkannte auf die Erfahrungen, die wir machen. Die Mathematik beschreibt die Beziehungen und so könnte man das Zwischenergebnis von Stegmaiers Arbeit mathematisch beschreiben, in seiner Geometrie. Stegmaier sucht die Erfahrung in seinen Materialien und bei genauem Hinsehen erkennt man trotz reduzierter Farbpalette viel Reaktion auf das Material, die Schichtung die eigene Farbgebung des Papiers, so dass Ebenen sichtbar werden (teils auch durch Radierung, die Korrektur ist also ebenso Teil des Prozesses). Gleichsam ist jedes Werk, so harmonisch es wirkt, Zeugnis der Herstellungs- und Erforschungsprozesses, in den sich Stegmaier begeben hat. Es ist ein äußerst intellektuelles Werk, dass wir hier von uns haben.

Stegmaies Ästhetik provoziert viele Ästheten und begeistert die anderen Ästheten. Denn diese Ästhetik ist nicht eine, die dazu da ist, direkt zu gefallen. Sie will auch nur vorsichtig in den Raum treten und den Diskurs beginnen. Diese künstlerische Leistung hat schon viele Kuratoren und Kunstfreunde tief beeindruckt. Beim ersten Betrachten kam etwas Erinnerung an Twombly hoch, aber Stegmaier hält sich nicht in Mythen und Geschichten auf, seine Welt knüpft eher an eine naturwissenschaftliche und philosophisch konstruktive Geisteswelt an. Ich bin mir recht sicher, jeder meiner Bekannten und Freude, die sich mit Ästehtik nicht so lang beschäftigt haben oder denen dafür der Sinn fehlt, halten mich für vollkommen verrückt, diese Werke angeschafft zu haben. Es erschließt sich Ihnen nicht und auch ich stutzte und fragte mich, ob diese Art der Kunst nicht die Kunst derart in Frage stellt, dass sie nicht sein sollte. Genau darin lag aber der Trugschluss, er wenn man über diese Verneinung hinweg ist, deutet sich im Sinne Nietzsches alles um. Und stellt die Frage, ob dass was wir in Design, Gestaltung und Kunst ansonsten geboten bekommen, doch ein schmeichlerisches Witz ist, der uns in keiner Weise helfen kann, uns zu entwickeln, sondern uns einlullt und berauschen will. Diese Nüchternheit in Stegmaiers Werk dagegen ist von stiller Klarheit. Kunsthistorisch dockt Stegmaier an den Minimalismus an, eine aus dem Bildfeld überziehende Struktur wie sie die Nachkriegsmoderne in den USA praktizierte. Dennoch ist Stegmaier kein formelhafter Ideologe, sein zeichnerisches Schaffen ist mit modernistischen Mitteln ausgeführt, aber doch in Summe eher zeitlos. Es geht Stegmaier im Gegensatz zu Vertretern der Moderne nicht um ein Äquivalent für eine gesellschaftliche Theorie oder Utopie, er bedient sich unterschiedlichster formaler Möglichkeiten und Traditionen. Neben konstruktiv-flächigen und angelegt modularen Strukturen sind es stereometrische Körper, gefäßartige Formen, die an Architekturmodelle oder Maschinbauzeichnungen erinnern. Tektoniken, Lineamente, kreisende Bleistiftbewegungen, auseinader gezogenes oder geschnittenes, was nachher wieder zusammengefügt wurde. Immer ist der Prozess klar erkennbar, die Figur ist kein Motiv oder er sucht nicht narrative Elemente. Die Zeichnung ist für ihn ein intuitiver Prozess, den er würdigen will und verstehen möchte. Also eine Art permanentes Suchen nach einer inneren Logik der zeichnerischen Struktur: Was tue ich da, warum ergibt es doch Sinn oder nicht? Michael Semff nannte das die Zeichnung “als Prozess von Wahrnehmung und Verwandlung”, bzw. als “sich selbst verpflichtete Entwürfe der Wahrnehmung”. Und dies geht so auf das Verständnis der Zeichnung in der Renaissance noch zurück, beim disegno, bei der Inspiration zu Form gewordener Idee.

Zeichnung hat etwas absolut Radikales und Ontologisches, hat Jean-Francois Lyotard mal festgestellt: “Eine Linie zu ziehen auf einer Oberfläche, welcher auch immer, heißt jenes Minimum an Sinn herstellen (…).” Das ist bei Stegmaier genauso, eine Linie zu ziehen, das ist nicht nur die Basis der Kunst, da geht es um das Minimum an Sinn auf das Lyotard gestossen war. “So verbindet sich Stegmaiers Suche nach der inneren Logik zeichnischer Strukturen mti einer eigentlichen Sinnstiftung, deren wahre Bedeutung nicht in der finalen Perfektion, sondern im vielschichtigen Prozess permanenter Setzungen und Veränderungen, im Andauernden Reflektieren und Zweifeln liegt.”


German Stegmaier, o.T. (2017/2018), Oil on Canvas, 60 x 60 cm, added to the collection in 2018


German Stegmaier, o.T. (2011-2014-2016-2018), Pencil on Paper, 30,6 x 22,7 cm, added to the collection in 2018


German Stegmaier, o.T. (1997-2014), Pencil on Paper, 35,1 x 25 cm, added to the collection in 2018

German Stegmaier

1959 born in Mühldorf/Inn, Germany
1977-78 studied mathematics and philosophy of science at the University of Munich
1980-86 Academy of Fine Arts Munich
1989-90 Rijksakademie Amsterdam

Lives and works in Munich

Solo exhibitions

2018 Drawing Hub, Berlin
2017 sleeper, Edinburgh
Tomio Koyama Gallery, Tokyo
Hiroshima Art Center, Hiroshima
2016 Kristof de Clercq Gallery, Ghent, Belgium
2015 Galerie Florian Sundheimer, Munich
2014 Kristof de Clercq Gallery, Ghent, Belgium
2013 “Formstücke. Objekte und Zeichnungen” Galerie Zink, Berlin
Galerie Werner Klein, Cologne
2012 Galerie Zink, Berlin
2011 Galerie Florian Sundheimer, Munich
2010 Galerie Werner Klein, Cologne
2008 Galerie Zink, Open Studio, New York
“Egmont Schaefer Preis” Galerie im Turm, Berlin
2007 Galerie Zink, Munich
Galerie Werner Klein, Cologne
2006 Galerie Völcker & Freunde, Berlin
2005 Galerie Zink & Gegner, Munich
2004 Galerie Fred Jahn, Munich
Galerie Völcker & Freunde, Berlin
2003 Neue Galerie Dachau, Germany
2002 Galerie Zell am See, Austria
Warsaw Project Space, Cincinnati, USA
Galerie Fred Jahn, Munich
2001 Galerie Michael Zink, Munich
1999 Galerie Zell am See, Austria
Villa Massimo, Rome
Galerie Fred Jahn, Munich
1998 Galerie Michael Zink, Regensburg, Germany
1997 Galerie Fred Jahn, Munich
Galerie Michael Zink, Regensburg, Germany
1996 Staatliche Graphische Sammlung/ Neue Pinakothek, Munich
Galerie Nouvelles Images, The Hague
1995 Galerie Michael Zink, Regensburg, Germany
Galerie Nouvelles Images, The Hague
Landesmuseum Mainz, Germany
1994 Galerie Michael Zink, Regensburg, Germany
1993 Galerie Nouvelles Images, The Hague
Galerie van Rooy, Amsterdam
1991 Galerie van Rooy, Amsterdam
Damon Brandt Gallery, New York
1990 “Aspekte deutscher Zeichnung” Galerie Artline, The Hague

Group exhibitions

2017 “Paint on. Dimensionen des Malerischen”, Pinakothek d. Moderne, München
“Thuis in het Chabot Museum – Collectie Armando”, Huis Schuylenburch, Den Haag
2016 “Zeichnungsräume – Drawing Rooms“, Kunsthalle Hamburg
“Linie, Line, Linea: Contemporary Drawing” Adam Art Gallery, Wellington
“Egmont-Schäfer-Preisträger Ausstellung” Galerie Parterre, Berlin
2015 “In Line” Gallery Joe, Philadelphia, USA
2014 “Linie, Line, Linea: Zeichnung der Gegenwart” Museo de Arte del Banco de la Républica, Bogotá, Columbia
2013 “Linie, Line, Linea: Zeichnung der Gegenwart” Museo Nacional de Arte,
La Paz, Bolivia
“System und Sinnlichkeit”, Kupferstichkabinett Berlin
2012 “Linie, Line, Linea” Centro Cultural Caja Real de Universidad Autonoma,
San Luis Potosi, Mexico
2011 “Linie, Line, Linea” Museo Nacional de Artes Visuales, Montevideo, Uruguay
“German Marks” Gallery Joe, Philadelphia, USA
“The Match: Ronald Noorman/ German Stegmaier” Galerie Nouvelles Images,
The Hague
2010 “Linie, Line, Linea: Zeichnung der Gegenwart in Deutschland”
Kunstmuseum Bonn
“Modern Times” De La Warr Pavilion, Bexhill/ Kettle’s Yard, Cambridge, UK
“4. Biennale der Zeichnung” Kunstverein Eislingen, Germany
2009 “Die Gegenwart der Linie. Eine Bestandsauswahl neuerer Erwerbungen des 20. und 21. Jahrhunderts“, Graphische Sammlung in der Pinakothek
der Moderne, Munich
“Malerei ist immer abstrakt. Gegenwartskunst aus der Sammlung der
Pinakothek der Moderne“, Staatsgalerie Moderne Kunst, Augsburg, Germany
2008 “Gegenstandslos” Gesellschaft für Kunst und Gestaltung, Bonn
“go between” Oberösterreichischer Kunstverein Linz, Austria
2007 “Von Abts bis Zmijewski: Neue Werke der Gegenwartskunst”
Pinakothek der Moderne, Munich
“Go between” Kunstverein Aichach, Germany; Cavallerizza Reale, Turin
2006 “Approaching Landscape” Galerie Michael Zink, Munich
“Go between” Kunstverein Aichach, Germany
“Zeichnung_06” Galerie Michael Sturm, Stuttgart, Germany
2004 “Funkelnagelneu: Guido Vlottes/ German Stegmaier” De Praktijk, Amsterdam
“Munich School” Kunstverein Aichach, Germany
“paperweight” Galerie Völcker & Freunde, Berlin
2002 Galerie Michael Zink, Munich
2000 “works on paper” Baron/Boisante, New York
1999 “Ausstellung der Staatsförderpreisträger” Galerie der Künstler, Munich
“Ausloten: 5 Positionen autonomer Malerei” Kunstverein Göttingen,
“Kunst der Gegenwart aus Bayern” ZDF-Sendezentrum, Mainz, Germany
“Babele V” Villa Massimo, Rome
1998 “Zusammenstellung” Galerie Michael Zink, Regensburg, Germany
“Von Baselitz bis Winters” Sammlung Bernd Mittelsten Scheid, Germany;
Staatliche Graphische Sammlung/ Neue Pinakothek, Munich
“Arbeiten auf Papier” Galerie Fred Jahn, Munich
1997 Galerie Klaus Fischer, Berlin
“Sammlung Cees van den Geer” Stedelijk Museum Schiedam, Netherlands
“Out of the drawer” Galerie Nouvelles Images, The Hague
“works on paper” Baron/Boisante, New York
1996 Germanisches Nationalmuseum, Nuremberg, Germany
Galerie Rupert Walser, Munich
1995 “de betekenis van het tekenen” Rijksakademie Amsterdam
1994 “Third Grand Prix of drawing Alps-Adria 1994” MGLC Galerija Tivoli Lubjana, Slovenia; Kärntner Landesgalerie Klagenfurt, Austria; Kunsthalle Budapest; Nationalgalerie Bratislava, Slovakia
“Otto-Dix-Förderpreis” Kunstsammlung Gera, Germany
1993 Galerie van Rooy, Amsterdam
1991 “Die ersten Jahre der Professionalität” Galerie der Künstler, Munich;
Deutscher Künstlerbund, Kunsthalle Darmstadt, Germany


Public collections

Stedelijk Museum, Amsterdam
Staatliche Museen zu Berlin -Kupferstichkabinett, Berlin
Deutscher Bundestag, Berlin
Kunstmuseum Bonn
Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland, Berlin
Museum Kunst Palast, Düsseldorf
Kupferstichkabinett Dresden
Teylers Museum, Haarlem, Netherlands
Hamburger Kunsthalle, Hamburg
Busch Reisinger Museum, Harvard University, Cambridge
Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Pinakothek der Moderne, Munich
Staatliche Graphische Sammlung, Munich
Chabot Museum, Rotterdam
Saarlandmuseum, Saarbrücken
Stedelijk Museum, Schiedam, Netherlands
Staatsgalerie Stuttgart
Graphische Sammlung Albertina, Vienna
Kunsthaus Zürich

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