Caroline Kryzecki: KSZ 50/35–74 (2017)


Caroline Kryzecki: KSZ 50/35–74 (2017), Kugelschreiber auf Papier, 50 x 35 cm. In der Sammlung seit 2019

“The Harder Edge”

Caroline Kryzecki zeichnet mit Kugelschreiber. Keinem besonderen Kugelschreibern, sondern den allzu alltäglichen “Kulis”, die Sie sonst meist achtlos nach Gebrauch entsorgen. Kulis sind zwar praktisch, aber sie besitzen Einschränkungen. Sie verbrauchen sich. Sie gelten als ein nicht sonderlich sauberes Arbeitswerkzeug, verschmieren gerne den pastösen Auftrag von Schwarz, Blau, Rot oder Grün auf dem Papier. Kindern wird der Kuli in den ersten Schuljahren gerne versagt, denn als Schreibwerkzeug ist er unpräzise und gibt wenig Widerstand auf dem Papier, was schlecht für das Handgefühl ist. Kryzecki nutzt zur Zeichnung einen selbstgebauten Tisch, wo sie mit einem schweren Lineal Ihre Linien auf bis zu 280cm großen Papiere zieht. Kryzecki sagt, dass sie diese Form eher spielerisch und zufällig entwickelt hat während eines Stipendiums in Istanbul. Augenfällig ist ein Effekt, den sie intensiv nutzt: Der Moiré-Effekt. Dieser Effekt ist Ihnen bekannt, es sind Interferenzen, die Ihr eigenes Auge erzeugt, weil es nicht klar kontrastieren kann. Zwischen den Überlagerungen zweier Raster, die jeder für sich sehr regelmäßig sein müssen, entsteht dieses Muster. Ein Muster aus Interferenz, dass Fotografen und Kameraleute in den Wahnsinn treibt (Anti-Aliasing), Interenzen auf eng karierten Hemden oder auch Karos erzeugen diese Muster auch ungewollt, es ist irritierend und die Betrachtung strengt etwas an. Bei der Ansicht auf dem Computerbildschirm verstärkt sich der Effekt noch, es ist deswegen überraschend und ein wenig merkwürdig, dass sich diese Interferenz aber auch bei natürlicher Betrachtung mit den eigenen Augen einstellt. Es ist also kein elektronisches oder digitales Problem, es stellt sich auch analog dar. Das von mir ausgewählte Werk von verschobenen Rastern erzeugt diesen Effekt nicht auf der ganzen Fläche, sondern nur an einzelnen Flächenteilen. In der Mitte ergibt das Weiß einen Ruhepunkt, eine Ruhe aus dem Nichts heraus, an der sich spitze Ecken bilden. Eine Ruhe, auf die die Spitzen der Flächen zielen. Bei dieser Arbeit passt für mich ein Titel wie “The Harder Edge” – so lautet die Ausstellung in der Saatchi Gallerie in diesen Wochen (Jahreswende 2018/2019).

Caroline Kryzecki in Ihrem Atelier (2016)

“The Harder Edge”, das passt zur Stadt, in der Kryzecki lebt. Vielleicht nicht für alle Ihre Arbeiten, in den Interferenzen sind oft eher weiche Formen erkennbar, aber trotzdem mag ich diesen Kontext bei Ihr. Er ist vielleicht nicht von Ihr gewollt, es war wohl meine Sammlererfahrung in diesem November 2018, als ich ein paar Tage durch Galerien gestreift bin und mit diesem Werk nach Hause kam. Im nasskalten Wetter des winterlichen Berlins sind die Menschen nicht nur körperlich, sondern auch emotional unterkühlt, manchmal gereizt, sperrig, nicht unbedingt galant. Es scheint, nicht allein das Wetter ist rau, es erzeugt auch raue Charaktere. Nichts ist dann mehr von der sommerlichen Grandezza in Berlin zu spüren, bei der das besondere Licht und üppiges Grün einen paradiesischen Kontrast zum harten Winter bildet. Jan-Phillip Sexauer, Ihr Galerist in Berlin, hat sich in einem ebenso rauen Hallenbau aus grauem Beton und dunklem Putz in Weißensee niedergelassen. Ein wenig schmuddelig wirkt das Gebäude von außen, die Farbigkeit als eine Variation von Grautönen erinnert noch ein wenig an die Wendezeit der 90er, als Berlin so aufregend war wie keine andere Stadt in Europa. Ausgerechnet dass alte, verkommene, war damals aufregend, denn darin war viel unentdecktes Leben zu finden. Sexauer hat in dem Gebäude einen sehr großen Ausstellungsraum geschaffen, ein großer White Cube, indem er üppige Soloausstellungen für seine Künstler schafft. Carline Kryzecki verwandelte mit Tapeten diesen Raum in ein einziges großes Bild, ein spektakuläres Werk, seine Mühen um die Darstellung seiner Künstler in diesem Umfang zeigen, was Sexauer schon jetzt in der Berliner Galeristenszene verdient gemacht hat. Wenn Galerien Künstler darstellen wollen, wenn sie wirklich Darstellung und Öffentlichkeit für Ihre Künstler schaffen wollen und keine Kaufleute, die blutleer Ihre Taler zählen, dann müßen sie sich so leidenschaftlich um die Kunst bemühen wie Sexauer dies tut und auch aufwendige Shows helfen zu inszenieren, nicht nur Werke aufzuhängen, die zu kaufen sind. Es sind dann auch Erfahrungen und Momente, die den Künstler in einem tieferen Licht scheinen lassen.

Carline Kryzecki bei Sexauer in der Ausstellung “Come out (to show them), floor piece 2, screen prints

Wenn Kryzecki das Lineal über das Papier zieht, dann hat dass etwas von Planung und Bauzeichnerei, die feinen Details machen die Qualität der Arbeit aus. Manchmal liegt diesen Werken eine geometrische Logik zu Grunde, sie fügt diese selbst erdachte Formalisierung auf den Rücken der gerahmten Arbeiten ein. In einem kleinen Quadratausschnitt steht dann die von Ihr erdachte Notation, Ihre Noten für Ihre Linien. Sexauer erwähnt, dass die Arbeiten von Kryzecki mit Ihrer Phasenverschiebung ein musikalisches Pendant in Steve Reich finden (vergleiche Piano Phase von 1967). Frühere Arbeiten von Kryzecki arbeiteten noch intensiv mit Blau und nutzten eher Tiefeneffekte, sie erinnerten ein wenig an Arbeiten von Thomas Müller, der ebenfalls Kugelschreiber benutzt. Heute ist jedoch keine Ähnlichkeit zu den eher organischen Strukturen von Müller zu sehen, Kryzecki nutzt viel mehr “The Harder Edge”, sie geht konstruktivistischer vor und knüpft an die Tradition der “Konkreten Kunst” an.

Caroline Sexauer is represented by Sexauer Gallery in Berlin.

Ausstellung “Superposition” bei Sexauer

Curriculum Vitae

Caroline Kryzecki
(Stand 2018)

born 1979 in Wickede / Ruhr

studies of Fine Arts at the Berlin University of the Arts
in the classes of Daniel Richter, Anselm Reyle and Robert Lucander

postgraduate degree in the masterclass of Robert Lucander and Daniel Richter

lives and works in Berlin

Grants

2019 Residency at The Josef and Anni Albers Foundation in Connecticut, USA
2018 Advancement Award Valerie and Prof. Kurt M. Schulz-Schönhausen
2013 Travel Grant – International Cultural Exchange by the Berlin Senate
2012 Istanbul-Stipend for Visiting Artists from Berlin by the Berlin Senate
2009 Scholarship by the Berlin Senate (NaFöG), Scholarship by the German Academic Exchange Service (DAAD) for Mozambique
2002 Scholarship by the German Academic Exchange Service (DAAD) for Tanzania

Solo Exhibitions

2019 Patrick Heide Contemporary Art, London, UK with Susan Schwalb
2017 SEXAUER, Berlin, DE Come out (to show them)
2017 Ace Gallery, Los Angeles, US Out of Phase
2016 Bernal Espacio, Madrid, ES, Between the Lines
2016 Kunst & Denker Contemporary, Düsseldorf, DE The Spacial Aspect
2016 Lotte Sonnenstein @ Kunsthandel Gril & Plantys, Vienna, AT
2016 KSZ (curated by Angela Stief)
2015 FS.ART, Ravensburg, DE RV#01 (with Wolfgang Flad)
2014 SEXAUER, Berlin, DE, Superposition
2013 St. Christophorus Kirche Neukölln, Berlin, DE 3-7-9-14-21
2013 ArtInternational Istanbul, TR
2013 Solo Presentation by Polistar
2013 Polistar, Istanbul, TR
2013 Süperkonstrükt
2012 44A Sanat Galerisi, Istanbul, TR Gel Gör
2008 F.A.G. at Laden für Nichts, Leipzig, DE, Kontrolle ist gut, Vertrauen ist bessern (with Fabian Fobbe)

Group Exhibitions

2019 dr. Julius | ap, Berlin, DE CENTURY – idee bauhaus
2018 CoCa Toruń, Toruń, PL Painting still alive – Von der Klassischen Moderne bis zur Gegenwart. 200 Werke aus der Sammlung Haas
2018 hClub, London, UK Harder Edge
2018 Una Vetrina, Rome, IT 2018 Life of Artists from Berlin
2018 Gussglashalle, Berlin, DE Works on Paper
2018 Former Berliner Sparkasse Building, Berlin, DE BANK, BLANK
2018 Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg, DE, Auf der ganzen Linie! Positionen zeitgenössischer Zeichnung
2018 Kunsthalle Tübingen, Tübingen, DE Sexy and Cool. Minimal goes emotional
2018 Bernal Espacio, Madrid, ES Balance: Gravity in Contemporary Art
2017 David Nolan Gallery, New York, US, Berlin Now
2017 Patrick Heide Contemporary Art, London, UK, The Color and the Shape
2017 Sleek x VDA, Berlin, DE DIALOGUES. USA – Berlin, Berlin – USA
2017 TYSON, Cologne, DE ˈstrʌk.tʃər
2017 instant-edition, Vienna, AT Linie – Gitter – Raum
2017 me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht, DE Picha / Bilder – Zwischen Nairobi & Berlin
2017 Haus am Lützowplatz, Berlin, DE Aufzeichnungen aus dem Kellerloch*
2017 SEXAUER, Berlin, DE SMALL – an exploration of miniature
2016 MeetFactory, Prague, CZ, Time After Time
2016 The Finnish Institute, Berlin, DE Black Market. Pleasure Principle
2016 me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht, Berlin, DE, My Abstract World
2016 Galleri KANT, Copenhagen, DK Pattern Recognition
2016 Michael Fuchs Galerie, Berlin, DE in Correspondence with the Drawing
2016 Bratislava City Gallery, Bratislava, SK Space and Structure
2016 Lovey Town, Madison, Wisconsin, US Knock Knock: Lovery Town meets Berlin – Part 2
2016 Kunstverein Amrum, DE New Adventures in Vexillology
2016 Glue at Kunsthaus Erfurt, DE Maximum-Likelihood
2016 Kant Temporary, Fanø, DK The Island Show Easter 2016
2016 Kunsthalle Exnergasse, Vienna, AT Über die Unmöglichkeit des Seins
2015 PS, Amsterdam, NL Glue
2015 Viennafair, Vienna, AT kinesis. Eine Studie zur Bewegung im Bild (curated by Angela Stief)
2015 Galerie Patrick Ebensperger, Berlin, DE BERLINROMA – Reverse Inequality / Part One, (curated by Valentina Galossi and Amélie Grözinger)
2015 Funkhaus Berlin, DE Arcadia Unbound
2015 Arratia Beer, Berlin, DE My Lonely Days Are Gone / Part 2 (curated by Arturo Herrera)
2015 SEXAUER, Berlin, DE Saloon (curated by Alina Heinze and Tina Sauerländer)
2015 Artist Weekend (Lehderstraße 34), Berlin, DE Ngorongoro
2015 Glue im Kunstquartier Bethanien (curated by DAG), Berlin, DE Polyvalenz
2014 Lady Fitness Contemporary, Berlin, DE About Sculpture #5: The Shape Of Things To Come
2014 Torstudio, Berlin, DE Je ne sais quoi III
2014 Pompéry & Scholl, Berlin, DE Hausstellen
2014 Galerie Kurt im Hirsch, Berlin, DE Raum für Spekulationen (curated by Lena Fliessbach)
2014 fiebach, minninger, Köln, DE Overbeckstrasse
2013 Kunsthalle Wilhelmshaven, DE Nordwestkunst 2013 – Die Nominierten
2013 Kwadrat, Berlin, DE Pieces
2013 Kunsthalle Athena, Athena, GR In the Studio
2013 Berlin Art Junction at GIZ-Haus, Berlin, DE Ausstellung 8
2013 AUTOCENTER, Berlin, DE The Legend of the Shelves
2012 The Young Artist’s Biennial, Bucharest, RO
2012 Büro Adalbert at Galerie Mahalesi, Gera, DE Abstrakt nach ’89
2011 Bar Babette, Berlin, DE Giftshop
2011 Wendt & Friedmann Galerie, Berlin, DE Betwixt
2011 UferHallen, Berlin, DE Phantome
2011 Forum Factory, Berlin, DE, February 4th
2010 AUTOCENTER, Berlin, DE Error
2010 Historical Harbour, Berlin, DE On a Boat #1
2010 Infernoesque, Berlin, DE Ruffled Galaxies
2010 scholars and awardees of the University of Fine Arts, Haus am Kleistpark, Berlin, DE Gute Karten
2010 Kunstverein Neukölln, Berlin, DE S/W
2010 Bourouina Gallery, Berlin, DE Wir können auch anders!
2010 Forgotten Bar Project, Berlin, DE For Get Me Not
2009 BKS, Berlin, DE Sneak Preview
2008 UferHallen, Berlin, DE Plötzlich
2008 Infernoesque, Berlin, DE Unité
2007 interdisciplinary exhibition project accompaniying documenta 12, Kassel, DE Temporary Home – Die bewohnte Installation
2006 Berlin, DE Ausser Haus
2006 brun, curated by Daniel Richter, Düsseldorf, DE Farewell Berlin

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