Bullis ‘r Greta! oder “How dare you, Bulli Fans, die SUVs richten!”

Klimawende. Greta segelt nach New York. How dare you! Fridays demonstrieren wir für die Zukunft. Und radikaler sind wir, wenn es um Extinction Rebellion geht. Aufgeladen, polarisiert, teils leider nicht mehr nur radikal, sondern schon extremistisch. Besonders schlimm, wie herzlos und brutal die Debatte geworden ist, wie man dass mit dem Klima in den Griff kriegen kann, wurde es am 11. September 2019. Denn da war etwas passiert, was die Grenzen verschob.

Der Fahrer eines Porsche Macan in Berlin-Mitte überfuhr mehrere Personen mit überhöhter Geschwindigkeit. An der Ackerstrasse in Mitte verletzte er einen Deutschen und einen Engländer tödlich. Kaum noch steigerbar, aber noch unerträglicher waren die 2 weiteren Todesopfer. Ein 3-jähriger Junge und seine Großmutter. Ich habe von diesem Unfall ziemlich schnell erfahren, denn Freunde von mir waren in der gleichen Kindergartengruppe wie das verstorbene Kind. Sie kannten sich und so war auch ich erschrocken, wie nahe man diesem Ereignis plötzlich war. Man holte das eigene Kind gemeinsam im Kindergarten ab, der verstorbene Junge hatte das Fach gegenüber, natürlich wußte man genau, wen dieser Horror getroffen hatte. Und es war auch irgendwie nur durch Zufall oder Schicksal an einem selbst vorbeigegangen, es hätte einen genauso treffen können.. Man kann es sich nicht ausmalen, wenn man nicht dabei war, was für eine furchtbare Gewalt der Tod in diesen Stunden hatte. Wie erbarmungslos er die Verbliebenen verletzte, wie fassungslos alle Bekannten und Freunde als auch meine eigenen Freunde waren. Auch sie waren emotional und psychisch geschädigt worden, der Schmerz ergriff auch sie und verwundete seelisch.

Was für ein Alptraum, was für eine unerklärliche Situation. Wie darüber mit den eigenen Kindern reden, die das Kind kannten, wie sich verhalten? Wer ein Kind hat, kann sich ansatzweise ausmalen, was der Verlust eines Kindes bedeuten könnte. Aber eben nur “könnte”. Aber wer es erleben muss, kann die Frage kaum ertragen, wieso dieser Tod dem Kind auf dem Gehweg widerfährt hinter einer Fußgängerampel, die auf Rot geschaltet war. Der Fahrer des Porsche hat in jedem Falle gesichert eine zu hohe Geschwindigkeit gehabt, aber alles weitere an Ursachen und Hintergründen wartet auf Aufklärung durch ein Gericht. Wir können nur spekulieren, noch ist nichts gesichert. Der Familie, insbesondere der Mutter, die Ihr Kind und Ihre eigene Mutter zu Grabe trägt, sind all diese Sachverhalte vielleicht später einmal Teil der Bewältigung, jetzt aber ist da nur der Verlust, der Schmerz und der Tod. Ob sie es überwinden können, kann ich persönlich Ihr nur wünschen, doch wie schwer es ist, dazu kann ich nichts sagen und die Pietät verbietet es. Und auch der Fahrer, sei es gesagt, ist kein Mörder. Es gibt keinen Hinweis auf ein Motiv, es gibt sicherlich Ursachen oder Gründe, aber er hat sicher nicht dieses Kind töten wollen, das ist doch ziemlich sicher. Bis dahin ist es eigentlich angeraten, die Pietät zu wahren. Eigentlich.

Denn es dauerte nur wenige Minuten, bis die Pietätslosigkeit politischer Aktivisten jedes erträgliche Maß sofort pulverisierte. Es brauchte nicht mal die Bild-Zeitung, selbst die lief der Explosion an Meinung nur noch hinterher. Der Feind, das Übel, der Sündenbock war ausgemacht. Nicht der Fahrer, nein, die Art des Fahrzeuges war schuldig geworden. Der Porsche war ein SuV nach der landläufigen Norm, übermotorisiert, teuer und ein Statussymbol für Autofreunde. Und dass in Berlin-Mitte, also Täter ein Teil der Elite und das Opfer auch? Das war Nachrichtenpulver wie man es brauchte. Außerdem gilt das SUV als ein Hauptverursacher für dass, was unter Klimawandelursachen so durch Lande fährt. Denn der Fahrer des SuV fährt aus Sicht der Gegner quasi seine Gewissenslosigkeit vor. Er macht sich schuldig, er ist derjenige, den es aus Sicht der Zündelteufel öffentlicher Meinung zu kreuzigen gilt, denn das Klima geht vor allem dank seiner Maßlosigkeit den Bach runter. Der Hass und die Schonungslosigkeit, mit der dieser Begriff in den nächsten Stunden verfolgt wurde, war erbärmlich, weil er von blutrünstiger Verve war. Denn das Opfer, der 3-jährige Junge, war nicht mehr beklagenswertes Opfer, sondern er wurde als Grund benutzt, Propaganda zu machen für eine grünere Welt und gegen bestimmte Gegenstände und die Menschen, die sie besitzen. Legal, aber nicht aus Sicht derjenigen, die sie verbieten wollen. Einerseits gegen SuV und Autos im Allgemeinen, andererseits Pro-Fahrrad und Pro-Ökologie, so könnte man meinen. Aber es wahren ganz schnell wohlfeile Trittbrettfahrer dabei, die schon seit Jahren immer gegen SUV waren (da zählen mittlerweile auch viele Spiegel-Leser dazu, die ungenau lesen, aber mit dem Gefühl die Mehrheit zu vertreten, gerne hart kritisieren). Es war keine Debatte mit Maß mehr, sie war grenzenlos, hart und heimsuchend. Verstärkt durch soziale Medien wurden keine Fakten, keine Argumente oder gar Fragen ausgetauscht, sondern Meinungen im Nanosekundentakt geschossen und Denkklischees verfestigt. Verfolgung 2.0, so sieht Hexenjagd im digitalen Zeitalter aus.

Ich habe mich selbst viel mit der Mobilitätswende beschäftigt. Ich fahre jetzt seit 4 Jahren E-Cargobike. Es ist in Köln das richtige Verkehrsmittel für mich persönlich. Gekauft habe ich es nicht aus grünem Gewissen heraus, sondern erstens weil ich immer gerne Fahrrad fuhr und zweitens, weil ich im Stau einfach keine Geduld mehr mitbrachte, hinter Autos im Stau zu stehen. Ich kam nicht mehr voran und der Switch zur E-Cargobikemobilität kam so ganz zügig. Ich merkte, es ging viel besser für mich selbst. Ich kann es nicht jedem als Lösung par excellence empfehlen, aber für einige ist es vielleicht auch das Richtige. Ich habe auch durch die Diskussion gemerkt, dass die Bevorzugung des Autoverkehrs in eine Sackgasse führt. Ich habe mich im Rat der Stadt Köln für einen Radweg stark gemacht und eine 10 Jahre lange Baustelle geholfen aufzulösen, damit endlich der Radverkehr dort wieder fließen kann. Doch ich muss ehrlich gestehen, es sollte ja keine Sünde sein, aber aus praktischen Gründen haben wir immer noch ein Fahrzeug im Haushalt. Mein Auto (ja, wir hatten 2) haben wir 2018 veräußert, immerhin. Ich brauchte es einfach auch nicht mehr, es war nur noch Prestige, aber ohne echten Nutzen. Und kostete Geld durch Rumstehen. Danach hat die Diskussion um E-Scooter mich in Rage gebracht. Auch da habe ich gerne mitgemacht und rumgeschimpft. Aber nicht die E-Scooter selbst oder die Fahrer sind der Anlass der Kritik. Sondern aktionistische Verkehrspolitik ohne Konzept, sinnlose Unfälle dank Alkohol am Scootersteuer, Silicon-Valley im Turbomodus. Private Unternehmen nutzen den öffentlichen Raum und wollen mit Ihrem Geschäftsmodell den Markt schnell besetzen. Nur einer wird gewinnen. Und die Folgen dieses Wahnwitzes wird die Öffentlichkeit tragen müssen, inklusive Entsorgung und verschlechterter Ökobilanz. Bahn-Fahren habe ich ganz vergessen, ach herrje, wie einzigartig und unvergesslich ist eine jede Fahrt, denn Überraschungen sind dort garantiert. Fliegen ist schlecht, das weiß ich auch, doch das tue ich eh eher ungern, weniger aus Gründen des Klimaschutzes, als dass ich es einfach gefährlich und unbequem empfinde. Also, ich kenne all diese Themen und als Fußgänger bin ich auch gut unterwegs. Doch was ich bei all meiner eigenen Dogmatik und Denkerei ums Thema herum erkenne, ist gnadenlose Heuchelei von 99% der involvierten Parteien. Woran ich das festmache? Nun, an Bullis und Campern. Aber der Reihe nach:

Ein SuV ist eigentlich dass hier: Leiterrahmen, Starachse, Kabine auf Rahmen, keine selbsttragende Karosserie. Übermotorisiert und geeignet für die Landwirtschaft. Fahrzeugtechnologie des früheren 20. Jahrhunderts mit ein paar digitalen Spielereien. Landläufig ist das der Ford F150, das meistverkaufte SuV der USA. Dieses Fahrzeug ist gewaltig in Außenmaßen, Gewicht und Verbrauch. Und es ist in Europa so gut wie NIE anzutreffen. Aber das ist ein SUV:

In Europa gibt es diese Kategorie nun seit ein paar Jahren auch, es ist ebenfalls eine extrem beliebte Fahrzeugkategorie. Sie kommt aber gar nicht aus den USA. Erfunden haben Sie eigentlich BMW und Mercedes. Es ist eine selbstragende Karosserie, eine technische Fahrzeugplattform, die es als Limousine schon gab, in einer höher gebauten Bauform. Unter dem Blech ist aber beispielsweise ein GLC das gleiche Auto wie eine C-Klasse. Und die Bauform ändert nicht mal was am Verbrauch: Der ist quasi identisch mit dem der baugleichen Limousine. Da es oft sparsame Selbstzünder oder Benziner sind, teils auch als Hybride, befinden sich diese neuen Fahrzeuge meistens deutlich unter den Verbräuchen betagterer Limousinen oder Kombis. Ich bin mal etwas fies, aber ein Volvo 960 oder ein Strich 8 sind im Verbrauch dagegen schlicht Dinosaurier. Auch ein Ford Eco Sport, also eigentlich ein Fiesta, ist ein SuV. Aber es ist ein SUV, dass wirklich kaum wehtut:

All diese Fahrzeuge werden verachtet wie die Pest und Cholera. Da ich ja in einem sehr grünen Wahlbezirk lebe, nämlich in Köln-Ehrenfeld, wollte ich doch mal wissen: Machen wir es hier besser? Die Menschen, die hart urteilen, die Grün sind und über diejenigen schelten, die da SUV fahren. Wo leben Sie denn wenn nicht hier? Und wenn hier so gerichtet wird, wenn hier viele Journalisten, Satiriker, Fernsehmacher, Blogger, usw. leben, wie leben denn sie? Also SUV fahren sie schon mal nicht, denn da gibt es Saures in der Nachbarschaft. Was ist das Fortbewegungsmittel Nr. 1 denn hier? Es sind keine Lastenräder, auch wenn die sehr gut verbreitet sind und auch dank u.a. städtischer Subventionen jeden Tag mehr werden. Ich fahre selbst eins und es ist grandios! Aber hier sind auch keine besonders ökologischen Fahrzeuge, die bspw. mit Wasserstoff fahren, unterwegs, nein, nein! Hier und da, aber sehr selten, gibt es auch einen Tesla. Über dessen Umweltverträglichkeit wird auch gerne gestritten. Aber was fahren Sie denn, die Hipster aus Ehrenfeld, aus Berlin Kreuzberg, aus der Schanze, usw., die Generation 29-49, die gerade eine Familie gegründet haben, mal 1, mal 2 Kinder haben und ganz im Strudel des digitalen Alltags untergehen? Irgendwann fiel es mir halt auf, sie sind zwar gut versteckt als eher “olle Kisten”, aber sie sind groß. Riesig groß. Eher 3 statt 2 Tonnen, mit Diesel und zwar der älteren Generation. Laut. Schwer. Massiv und gewaltig. Stinkig meist auch. Öffentlichen Parkraum brauchen die Dinger natürlich ohne Ende. Die Kennzeichen sind oft auffällig, denn es sind gerne mal die Heimatkreise der Eltern, wo die Zulassung günstig ist und die Versicherungklasse auch. Da steht dann gerne mal DAU, SU oder BM, mal HOM mal S. Es sind ziemlich viele Regionen dabei, aber parken tun sie unter der Woche in Ehrenfeld. Denn damit werden die Kinder auch gerne durch die Gegend gedieselt, man hört es gleich. Es sind:

BULLIS und CAMPER

Meistens ist es ein VW, mal Mercedes, mal Transit, mal was anderes. Mal Bulli, mal Transporter, mal T5. Mal T6, mal als Westfalia für die größeren Geldbeutel. Das hippste überhaupt: Mit H-Kennzeichen! Denn da spart man Steuer, da tut man was für Automobilkultur und ja, die verkaufen als Dogmatiker einem dann auch noch, weil da Fahrzeug alt ist, sei es das ökologischte überhaupt! Denn die ganze Energie der Fertigung ist ja längst kompensiert durch….ja, wodurch eigentlich? Zu fast 99% sind die Geräte festivaltauglich mit Matraze hinten drin. Oder für die Kinder, weil man ja mal ins Grüne will. Und da ist es doch schön, wenn wir mit Komfort unterwegs sind, alles mitnehmen können, sicher sind und auch das Fahrrad noch mitgeht. Als Beweis, wie massiv das Problem ist, habe ich heute morgen, den 14. Oktober, von 06:20 bis 06.43 auf dem Weg zu meinem Büro einfach mal die Straßen der Nachbarschaft mit dem Rad abgefahren. Einfach um es mal für jeden zu demonstrieren, dass es so nicht mehr geht. Ihr fahrt alle zu dicke Karren und das hat mit echten Taten gegen den Klimawandel aber bitte mal gar nichts zu tun. Wir können nicht die Töchter zur Schule zu “Fridays for Future” fahren, über SUVs schimpfen und dann zu Hause ALLE einen Bulli fahren. Ich suche sie nicht, aber sie stehen verflucht noch eins überall einfach rum! Sicher hätte ich noch mehr finden können, hätte ich es gewollt, aber ich muß ja auch noch arbeiten. Also, liebe Scharfrichter mit dem 3 Tonnen Gefährt, denn einige von Euch sind es ja leider (und viele haben sich vermutlich wenig dabei gedacht, die die Bullis richtig gerne haben) : Ihr könnt mir gerne viel erzählen, dass die Ökobilanz eines gebrauchten Bullis besser ist als die eines Neufahrzeugs, weil Ihr es ja viel länger nutzt. Aber Feinstaub, Abgasnorm und Verbrauch, Leute, das ist einfach nicht mehr vermittelbar. Ihr seid genauso dabei. Und wenn Ihr im roten Bulli auch noch die Fahne “Kohle stoppen JETZT!” zur Schau fahrt, dann setzt es bei mir aus. Fahrt erstmal Fahrrad, auch gerne mal Elektro. Und zwar mit Ökostrom. Fahrt Bahn. Geht mal zu Fuß. Und für den Urlaub oder das Wochenende: Leiht Euch doch gegenseitig die Biester mal aus. Dann reden wir gerne wieder darüber, wie andere Leute Ihren Strom bekommen und Ihr Lohn & Brot. Wohlfeil geht auch anders.

Also bitte, wer auch immer auf SUV schimpfen mag, der werfe nun den ersten Stein. Und darf sich bitte nicht wundern, wenn es ordentlich zurückscheppert. Mit dieser Art von Diskussion gewinnen wir sicher nicht in der Klimadiskussion. Wir sollten mal besser offen und ehrlich sagen, dass Sicherheit, Komfort und Mobilität etwas ist, was wir uns alle wünschen und leisten können möchten. Und Status und Anerkennung unter gleichen, das ist ebenfalls ein menschliches Grundübel. Zu sagen, man schere sich nicht drum, ist offensichtlich auch gelogen. Aber ihr könnt nicht den Einen den Kopf einschlagen und selbst auf dem Bulli darüber thronen. Ist ziemlich durchschaubar. Und das geht auf Dauer nicht gut. Liebe Grüsse von Markus – selbst zwar E-Lastenradler, aber mit einem SUV im Besitz der Ehefrau. Und der mag auch nicht gerne hinterm Rücken beschimpft werden, erst recht nicht, wenn es um die Ehefrau geht. Die fährt zumindest ab November auch, Ihr habt es erraten, E-Lastenrad. Irgendwann kriegen wir die Karre auch noch los, die Kinder müssen etwas größer werden, die Oma wohnt weit weg auf dem Land ohne Bahnanschluss, Ihr kennt die Gründe auch. Wir haben sie ja alle – unsere Gründe.

P.S. Ich habe nichts gegen Camper- und Bullibesitzer. Jedem das Seine, das ist ja erlaubt und legal. Ich möchte mich nur an die richten, die Bulli fahren und SUVs richten – das ist nämlich wohlfeil und unehrlich und das kann ich nicht ausstehen. Ansonsten grüße ich weiter meine Nachbarn, denn welches Auto sie fahren ist für mich noch kein Grund dazu, sich besser oder schlechter zu fühlen als andere. Danke!

Leave a Comment