Make Atomkraft great again!

Grüne Angst. Oder: Make Atomkraft great again!

Make Atomkraft great again!

Lützi retten, sonst ist das 1.5 Grad Ziel verloren und wir müssen sterben! Atomkraftwerke abstellen, jedoch nicht genügend erneuerbare Energien installieren und stattdessen auf mehr Kohlestrom zurückfallen. Identitätspolitik fördern und alleine mit dem Gendern mehr Leute erregen als ohne. Grüne Politik ist in diesen Tagen voller Widersprüche. Und grüne Aktivisten erregen soviel Unmut und Widerstand für Ihre Ziele wie nie: Ob gegen Energiepolitik, Identitätspolitik oder Klimaschutz, die Grünen wirken wie eine Horde Bürgerinitiativen, die aber in Summe kein kohärentes Bild erzeugen können. Paradoxerweise sind sie aber auch gleichzeitig “Die Regierung” und keine Opposition mehr. Was aber motiviert soviele Menschen, Teil der grünen Bewegung zu sein? Und was ist die Energie, die ein Individuum zu einer überzeugten grünen Kraft werden lässt, sprich: Was ist die grüne Seele denn wirklich? Eine Annäherung findet sich in diesem Text:

Make Atomkraft great again!

Make Atomkraft great again!

Kennen Sie das? Sie bekommen wegen Ihrer Kopfschmerzen ein paar kleine Globuli vorgesetzt. “Das hilft Dir, wirklich!” Sie sind skeptisch, etwas Traubenzucker in kleinen Kugeln, sie halten das für Unfug. Doch der Widerspruch wird aufgelöst durch den praktischen Gedanken: “Nimm es ruhig, es richtet ja keinen Schaden an und so ist endlich Ruhe hier!” Und dann schlucke ich das Kügelchen und bei meiner hilfsorientierten Frau ist endlich Ruhe. Niemand will in Form einer Übersprungshandlung etwas an mir erwirken, mir Schaden zufügen. Die Kopfschmerzen aber, gehen die auch? Und stimmt das eigentlich wenn ich sage, dass mein inkonsequentes Ausweichmanöver wirklich gar keinen Schaden anrichtet? Diese Diskussion liesse sich übrigens in vielen Bereichen des Lebens fortführen: Energiepolitik, Klimaschutz, Identitätspolitik, Ernährung und Artenschutz, um nur die populärsten Themen der grünen Partei zu nennen. Mehr davon, es richtet doch keinen Schaden an. Doch dieser Punkt scheint überschritten, die Konflikte mehren sich. Zuviel grüne Energien stoßen plötzlich auch an Grenzen, nun aufgestellt von Bürgerinitiativen, die sie verhindern wollen. Und die Bürgerinitiativen des Gegners wollen im Zweifel selbst auch die grüne Partei unterstützen. Alles im Streit mit einem Unternehmen, dass sich selbst grün nennt und im Zweifel befriedet von der Polizei, deren Polizeipräsident auch ein Grüner ist. Eine Partei voller Widersprüche und sehr heterogen, das ist offensichtlich. Typisch auch, dass eine verhärtete Ideologie oder moralische Überzeugungen genutzt wird, um die Sinnhaftigkeit des Anliegens zu unterstreichen. Warum ist das nur so und warum wird uns derart viel Moral in areligiöser Zeit präsentiert? Ich setze mich dezidiert mit Bewegungen im grünen Millieu in diesem Text auseinander, die ich für hilfreich bewerte, das Phänomen Grüne zu erkennen. Der grüne Wähler im gutverdienenden Mittelstand ist dabei nicht mein Fokus, denn diesen stufe ich eher als opportunistischen Mitläufer ein. Grüne wählen, das ist hier eher Lifestyle, weil alles mit Natur und neuer Technologie irgendwie Sinn macht. Ich schaue mehr auf den Kern einer jeden politischen Bewegung. Dahinter befinden sich teils reine Machtmenschen, die quasi jede Ideologie vor die eigenen Ziele spannen können und die radikalen Ideologen. Diejenigen, die mit Ihrer Überzeugung und Ihrer Verve den Impuls für eine politische Bewegung geben und sie antreiben. Doch bevor ich auf die Bewegung zu sprechen komme, gehe ich vom Individuum und seinem innersten Wesen aus.

Lesen Sie ruhig weiter, dieser Text richtet ebenfalls keinerlei Schaden an…

Jeder Mensch erkennt die Welt und diese löst eine Reaktion in ihm aus. Sinneseindrücke erregen, Muster werden abgeglichen und Eindrücke bewertet. Bevor der Gedanke sich in Sprache manifestiert, ist das Gefühl entscheidend. Wir mögen das Gefühl selbst nicht erkennen, aber es ist da und prägt unser logisches Denken. Ein abstraktes Denken ohne Gefühlsgrundierung ist kaum vorstellbar, die Psyche des Menschen und sein Geist ist anders konstruiert. Das Beispiel des Globulis also erneut: So lösen Krankheiten immer Ängste aus, genauso gibt es aber die Angst vor medizinischer Behandlung. Auch sie kann Schaden erzeugen, wie jeder Arzt bestätigen kann. Der Arzt versucht sich darin, dass der Nutzen sicher den Schaden überwiegt. Das ängstliche Individuum kann aber auch Gründe erfinden, warum der Verzicht auf eine klassische Behandlung vorteilhafter ist, dass man sich selbst die Behandlung schneidert, die einem eher zusagt. Der Widerspruch, dass dies aber durch Evidenz oder wissenschaftliche Theorie nicht gesichert sei, wird pauschal verworfen. Das Individuum ist vom Nutzen überzeugt, deswegen wird der Placebo geschluckt und an seine Wirkung wird geglaubt. Widerspruch kann mit starken Glaubensargumenten widersprochen werden, wir sind in einer Schleife, die mit Moral und Ideologie untermauert ist und durch keine Rationalität mehr verworfen werden kann. Es ist auch allzu natürlich, der Mensch wird im Kontext mit der Angst und der Bedrohung geneigt sein, seinem Gefühl erstmal zu entsprechen. Es ist ein schwerer Weg, von Angst in kontrollierter Rationalität zu landen, die nur Argumente der Statistik, Mathematik oder Physik gelten lässt. Der beste Beweis, dass das Globuli selbst also ein gutes Werk ist, ist verrückterweise, dass es keinen Schaden anrichtet. Und somit auch seiner Wirkung beraubt ist.

Primum non nocere! Richte keinen Schaden an! Der Widerspruch jedoch ist auch: Wenn etwas wirken soll, dann wirkt es und so ist keine Medizin ohne Schaden, wenn Sie heilt. Auch in richtiger Dosis, eine Nebenwirkung ist selbstverständlich und die Frage ist dann, ob der Nutzen den Schaden übertrifft. Die Freunde der Alternativmedizin haben sehr viel Sorge vor dem Schaden, er richtet sich gegen empathielose Ärzte und Parmazeutika großer Konzerne, deren Profitinteressen Gefahr erzeugen. Und es gibt sie ja auch, wenn auch selten, die Fälle, in denen die Medizin Schaden anrichtete. Aber sie begründen keine generelle Abkehr von der segensreichen Seite, die offensichtlich jeden Tag bewiesen wird in unzähligen Fällen. Spätestens da stellte ich mir die Frage: Was, wenn auch das Globuli einen Schaden anrichtet? Einen Schaden, der ganz woanders liegt als in der Sphäre der Medizin allein. Wenn Sie den Glauben an den Nutzen der Pharmazeutika, der auf wissenschaftlicher Empirie beruht und einem tiefen Verständnis der menschlichen Biologie beruht, erschüttert? Wenn Sie sogar die Wissenschaft und Aufklärung an sich in Frage stellt? Das wäre ein zivilisatorischer Kulturschaden ersten Ranges, der Quacksalber und Jahrmarktprediger auf die Bühne ruft und die Arbeit an echtem wissenschaftlichen Fortschritt unterbindet. Das wäre ein gigantischer Schaden.

Dieser Schaden kann sich fortpflanzen. Wer in seinem Wesen voller Skeptizismus ist, wer auf Ängste sensibel reagiert oder anfällig ist für Bedrohungsszenarien, der kann in gruppendynamischen Prozessen oder sonstigen Debattenformaten so abbiegen, dass die Lösung nicht in der Naturwissenschaft, sondern in der spirituellen Glaubenslehre gesucht wird. Argumente kann der Mensch kreativ und fleißig fast für jedes Szenario finden, so dass das Gedankengebäude immer einen gewissen Schutz behält. Finden sich noch Menschen, die davon profitieren wollen, gibt es moralinsaure Prediger oder gar manipulative Verführer, dann kann dieses Denken in Widerholungen und die Einübung von Reaktionsschemata zu einer starken Glaubensgemeinschaft werden. Spöttelnd könnte man auch sagen, dass im Mainstream der Überzeugungen der Mehrheit, die auch nicht wirklich fundiert sein müssen auf dem Boden der Wissenschaft, sich eine Glaubensgemeinschaft stabil abspalten kann und eine sektenhafte Trutzburg entstehen kann. Von Kritik der Atomkraft, bei der “Verteufelung” der Gentechnik, wo Unversehrtheit der Schöpfung gepredigt wird oder bis zu einem einem esoterischen Klimaschutz, der in Weltuntergangsphantasien seine Anhänger zumindest im richtigen Glauben retten will vor der Apokalypse. Viele dieser Gruppen sind offen für eine Kreuzung mit älteren Ideologien, die Ihren Zenit schon überschritten geglaubt haben und nun neu erblühen. So ist die Kritik an der Wachstumstheorie (Club of Rome) im Kontext des Klimas genauso en mode wie eine harsche Kapitalismuskritik, die auf den Systemwettstreit mit dem Sozialismus fußt und wir seit 30 Jahren für ausdiskutiert hielten. Globalismuskritik, Nationalismus, Regionalismus, beliebige Erweiterungen sind möglich. Oder eine Identitätspolitik, die überall Verletzungen und Kränkungen wittert, was sie zu Stellvertreterdebatten ermächtigt, die sie im Namen einer passiven Minderheit (bspw. Indianer, Transsexuelle, etc.) ausfechten gegen die “rechte Einstellung weißer alter Männer”. Wichtig für unsere Beschreibung der grünen Bewegung ist für mich aber nicht eine exakte Beschreibung der Identitätspolitik, die hier den Rahmen sprengen würde. Entscheidender ist dass viele dieser Kulturkämpfe nicht von der Minderheit selbst ausgefochten werden, sondern die grüne Bewegung als Stellvertreter bereit ist diese Interessen zu vertreten. Positiv sind dies Überzeugungen der Unterstützung und Nächstenliebe, negativ betrachtet missbrauchen Sie die Minderheit, um eine Ihnen nicht genehme politische Einstellung in der rechten Gruppe (was genau rechts ist, ist jedenfalls nur rechts von der gefühlten eigenen Position der Mitte, selbst wenn sehr links verortet) zu attackieren (“Du kränkst diese Minderheit durch Dein Tun, Sprachgebrauch, Sein, etc.!”). Statt also nur abstrakt mit der Ideologie oder der Moral zu attackieren, wird das Minderheitsopfer als Teil der Debatte instrumentalisiert. Sehet, mein Urteil ist berechtigt, diese gegnerische Gruppe richtet nur Schaden an! Barmherzigkeit und Güte ist selten Zeichen des Diskurses, der gereizt und aggressiv geführt wird.

3 kurze Fallbeispiele – der Versuch eines Einstiegs in grüne Welten

2016 las ich von ein paar Eltern, die Ihren minderjährigen Kindern bei unerträglichen Zahnschmerzen sogenannte “Teething Tablets” verabreichten. Das war damals wie heute kein zugelassenes Pharmazeutikum. Statt also dem Zahnarzt einen Besuch abzustatten, wurden diese Tabletten aus dem Saft der schwarzen Tollkirsche hergestellt. Das ist keine so wirklich harmlose Kirsche, denn Sie enthält Atropin. In richtiger Dosis wirkt es auf Bronchen oder das Herz, hier jedoch ging trotz lauter Warnung der amerikanischen Aufsichtsbehörde im Jahr 2010 alles schief. Über 400 Vergiftungen und leider 10 Todesfälle Minderjähriger waren die Folge. Skepsis über ein teures Gesundheitssystem und “profitgierige” Pharmahersteller vermischte sich mit der Hoffnung über eine besonders schmerzfreie und wirksame Behandlung (ohne Nebenwirkungen). All das war bei einigen Eltern der Auslöser, andere ließen sich nur in gruppendynamischen Prozessen von der Vorteilhaftigkeit überzeugen. Das Ergebnis aber war und blieb eine Katastrophe. Die Attraktivität von sogenannter “Naturmedizin” aber steht nicht in Frage, im Zweifel sprechen Eltern wie die beschriebenen der Naturmedizin bessere Wirksamkeit und höchste moralische Autorität zu (“die Heilung liegt darin, dass die Natur zu Ihrem Recht kommt”). Naturmedizin, Naturkosmektik, überall steckt mehr Gutes als Riskantes drin – das Beispiel der Tollkirsche aber zeigt auch: Die Natur ist nicht so gemacht, dass Sie uns immer Gutes will – sie will uns manchmal sogar töten. Unser Naturverständnis und Wissen über die Wirkungen der Natur ist offensichtlich recht gering, Menschen industrieller Gesellschaftern lassen sich zu Ihm mangels besseren Wissens verführen.

Als die Corona-Pandemie ab Frühjahr 2020 um sich Griff, entstand auf Waldorf-Schulen im Südwesten Deutschlands ein immer heftiger geführter Streit um die Maskenpflicht. Besorgte Eltern erreichten bei Ärzten, dass diese ohne jede medizinische Indikation über 90 Kindern einen Attest schrieben, der die Kinder von der Maskenpflicht entband. Die Verbindungen zu einer zunehmend selbst radikalisierten Querdenker-Szene wurden fließender, die Debatten hitzig geführt. Dienstrechtliche Beschwerden, Verlust ärztlicher Approbationen und weit über Schnitt erhöhte Corona-Inzidenzen an den Waldorf-Schulen waren einige der Folgen. Ob die Kinder durch mehr Infektionsrisiko sogar Schaden nahmen, ist nicht gesichert, aber sicher ist auch, dass in dieser Community die Schulaufsicht und das Gesundheitsamt delegitimiert werden sollten. Die Waldorf-Schulen hatten Ihre vom Staat getrennte Sonderstellung wiederentdeckt, Ihr Diskurs und Ihre Überzeugungen waren defakto nicht mit klassischem Seuchenschutz vereinbar. Wieder war aber das Zentrum dieser Bewegung besonders stark in der Alternativmedizin-Szene unterwegs, die an Waldorf-Schulen quasi ihr natürliches Habitat vorfinden.

Als in Amerika das Unternehmen Tesla entstand, ahnte es wohl kaum, welche gesellschaftliche Relevanz es schon bald als ein Symbol für Elektromobilität erreichen würde. Die Gründer wollten ein elektrisches Auto bauen, eines, dass sie aus Science Fiction-Serien Ihrer Kindheit kannten. Ein unbändiger Optimismus dafür, dass Technologie die Lösung sein würde, verband sie alle. Etwas später kam mit Elon Musk der Prototyp des genialischen Tech-Entrepreneurs hinzu, der nebenbei selbstlandende Raketen entwickelte und auf dem Mars eine Kolonie bauen wollte. Kann mehr Zukunft in einer Person sein? Musk erkannte, dass das Thema Klimawandel ein ungeheurer Motor für die CO2-armen Fahrzeuge sein würde. Und waren die Kinder von Musk nicht auch an alternativen Schulen? In der Zeit der Gründung der Firma war wie überall die Klimawende ein eher langsam erkennbares Problem

, ab den 2000er Jahren erkannte man welches Momentum von diesem Thema ausgehen würde. Wenn die Teslas also von grünem Strom aufgeladen würden und Ihre Energiebilanz nach Produktion nicht eine totale Katastrophe war, dann waren sie ganz eindeutig die Zukunft und sie waren die damals EINZIGE Antwort auf die Zukunft, denn andere Hersteller verweigerten sich diesem Thema und waren nicht von ihm überzeugt. Prospektbilder waren somit bei Tesla wahlweise auf Mars-Raketen oder vor Windparks geschossen, immer jedoch eindeutige Beweise für eine bereits materialisierte Zukunft. Diese Art von Vision ist eine besondere Igredienz des grünen Geistes. Nichts wirkt stärker als eine Vision der Zukunftsangst oder aber auch der Zukunftsvision. Eine utopisch anmutende Zukunftsvision, in denen Natur und Technologie keine Gegensätze sind, sondern vereint erscheinen, diese löst einfach ALLE Probleme. Oder nicht? Auch in Deutschland, dass doch weitgehend so stolz auf seine Autoindustrie war, machte Tesla als Unternehmen mindestens so schnell Karriere wie sein Chef Elon Musk, der medial zum absoluten Spitzenreiter wurde. Er selbst ist libertär und sicher nichts links-orientiert, weswegen die deutschen Gründungsgrünen sehr mit ihm fremdeln. Nach der Übernahme von Twitter waren sie ganz aus dem Häuschen, zuviel Macht in der Hand eines Mannes. Sie sehen in Musk den Kapitalisten und eher indirekt eine Person, die mit seinem Unternehmen einen großen Sprung wagt. Fragt man jedoch die jüngeren und männlichen Wähler der Grünen, dann sieht man das weitaus großzügiger. Musk ermöglicht das grüne Leben und bringt mit seinen Teslas Beschleunigung rein, wieso da also kleinlich sein? Er hat etwas, was immer eine große Sogwirkung hat, auch politisch: Er hat eine Utopie.

Fluorid in der Zahnpasta - die nächste Verschwörungstheorie der Alternativmedizin

Fluorid in der Zahnpasta – die nächste Verschwörungstheorie der Alternativmedizin

Das sind 3 Beispiele für den grünen Kosmos. Es gibt noch viele Beispiele mehr, die aber auch allesamt schwer vereinbar erscheinen. Es ist das besondere Geheimnis der Grünen wie sie es geschafft haben, diese vielen Partikularinteressen zu vereinen. Wie geht Homöopathie mit High Tech einher? Wie können selbstermächtigte Eltern und ein Staat, der etablierte Regularien und Gesetze befolgt, zusammengehen? Viele Sympathisanten finden vermutlich wenig besonders an Ihrem Leben. Sie denken, sie gehen mit der Zeit. Sie halten Bio für besser und Elektro-Autos für die Zukunft. Sie wollen den grünen Strom, sind skeptisch vor der Industrie und ihren Lobbyisten. Gleichzeitig sind sie so voller Widersprüche: Die Lobby der Großindustrie bekämpfen sie, aber mit ihren vielen Spenden haben Sie Greenpeace, Campact und die Umwelthilfe zu politisch viel mächtigeren Lobbygruppen gemacht. Kaum jemand wird in den Medien mehr zitiert als diese professionalisierten Bürgerrechtsgruppen in Form von Spendensammelmaschinen. Praktische Probleme, seien sie technologisch oder ökonomisch geben sie gerne ab, sie widmen sich aber gerne identitätspoltischen Themen und verstehen oft nicht, wieso diese viele Gruppen im Land höchst erregt als dirigistische Machtpolitik (bspw. das Gendern). Grüne verstehen sich eher als Zentrum der Beteiligung, basisdemokratisch und einzig fähig zu echter Bürgerbeteiligung – also sie absorbieren alle Einzelbewegungen und formen daraus eine Partei. Klar, dass das einen Überbau braucht. Diesen Geist des “jeder ist beteiligt” verkörperte in besonderer Weise die Kunst Joseph Beyus, denn sein “jeder Mensch ist ein Künstler” ist auch zu verstehen als “jeder Mensch ist politisch wirksam”. Beyus war wenig erstaunlich im Gründungsprozess der Grünen involviert. Was diesen Sympathisanten grüner Politik oft entgeht: Wie wenig Ihr Leben oder Ihr Lebensentwurf mit dem ganzen Querschnitt der Gesellschaft zu tun hat. Und dass sie gar nicht in die Falle tappen dürften, durch Dirigismus eine antiliberale Kraft zu sein, die den Menschen das Leben (“achte auf den Energieverbrauch, esse kein Fleisch, fahre keinen Diesel, etc.”) vorschreibt.

Viele der grünen Gründungsbewegungen waren klitzekleine 1-Themen Organisationen. Sie waren bspw. für den Minderheitenschutz Schwuler, die bis dahin verfolgt wurden. Sie waren gegen Atomkraftwerke und für Sonnenenergie. Sie waren dafür, das Erbe der Kolonialzeit aufzuarbeiten. Sie waren friedensbewegt oder sie waren antikapitalistisch. Sie waren für Basisdemokratie und antifaschistisch. Doch für die Grünen scheint es immer so gewesen sein: Es gibt die eine große Themen-Klammer, die das Grüne formuliert. Es ist früher die Anti-AKW Bewegung, heute ist es wohl bildästhetisch der Klimaschutz. Unter diesem Regenschirm finden dann alle Minderheitenthemen Ihren Platz. Die Sonnenblume auf der sonnigen Wiese ist das, was alle wollen. Und damit es funktioniert, wird in diese Minderheiten-Themen wenig von der Parteiführung hineinregiert. Sie spriessen und wachsen und sind vielleicht deswegen, wenn sie einmal einen Funktionär in ein Minister- oder Staatssekretärenamt bringen so wenig “domestiziert”. Sie sind geradezu selbst davon verwundert, wie stark Ihre Themen, die sie doch in einem grünen Konsens gefunden haben, andere Ausrichtungen reizen. Sie sind die natürliche, unrasierte Form der Grassroots-Bewegung. Und diese ist auf Macht aus, nicht aufs Stricken. Dabei müßte die Klammer der Partei eigentlich sein: “Du bist eingeladen, als Mensch ein Politiker zu sein”. Das konkrete Ziel des Klimaschutzes erscheint banalisiert im Vergleich dazu, dass die offene Hand gereicht wird, sich an echter Politik ohne Ausgrenzung zu beteiligen.

Wer sind die Grünen denn heute?

Ist das typisch für das grüne Millieu, Waldorf-Fans und Globuli-Prediger? Schwuler Minderheitenschützer oder Queer-Queen? Nein, es gibt unübersichtliche Teilgruppen in der grünen Partei wie auch diese bei Ihrer Gründung eine Art Kompendium von Aktivisten und Bürgerrechtsbewegungen war. Heute sind diese nur noch in Ansätzen von außen erkennbar, die Oberfläche sieht neben der Naturfarbe Grün gerne Fotos von intakter Natur, Sonnenblumen und Gesichtern aus dem Millieu vor, gerne mit Identitätspolitischer Darstellung angereichert (bspw. höherer Anteil farbiger Menschen als in der Durchschnittsbevölkerung, Darstellung von LGBTQ+ Themen, etc.). Vorher gab es als ein Zentralthema der grünen Bewegung den Widerstand gegen die Aufrüstung (Friedensbewegung, “Gegen den Nato-Doppelbeschluss”) und natürlich die Anti-Atom-Bewegung. Gegen staatliche Gewalt zu sein hieß aber nie, dass man nicht auch den Staat als Instrument begreift. Die Staatsgläubigkeit großer Teile der linken Grünen unterscheidet sie auch eindeutig von einer libertären Bewegung, die durch freiheitliche Distanz das Individuum befreien wollen. Liberale Grüne sind, so bewerte ich das von außen, eine sehr seltene Spezies, staatskritisch ist da nicht zu verwechseln mit staatsfeindlich. Siehe Joschka Fischer als ein grünes Urgestein. Die Grünen sind auch eher weiblich als männlich, das Gros der neuen Wähler sind eh studierte junge Frauen während Ihre männlichen Pendants genauso die Liberalen wie die AfD wählen – kein Wunder, es hat quasi keine Partei aktuell ein männliches Programm. Junge Männer sind eigentlich eine verlorene Gruppe und spielen deswegen bei den Grünen eine geringere Rolle als in anderen Parteien.

Die Grünen waren früher, als Spontis, noch mit vielen kommunistischen oder marxistischen Studentengruppen verbunden, sie wurden in der 1968er Bewegungen (in Opposition zum Vietnamkrieg) groß. Auch Joschka Fischer, noch Taxifahrer, oder Jürgen Trittin (Asta Uni Göttingen, Vater Nationalsozialist, ebenfalls Marxist) kam aus diesem Umfeld. Somit war für viele Außenstehende recht schnell klar, dass die Grünen sich vorrang im linken Spektrum festsetzen würden. Unklar war, wie stark sie dann in der Lage sein würden, in die Mitte zu gehen und sich zu weiten. Schon im Kleidungsstil war der Graben groß: Hier der dunkle Anzug, da der selbstgehäkelte Schwedenpulli. Konservative beschimpften Ihre Frisuren, Ihre Attitüde und noch bis weit in die 1980er waren sie für viele Bürger einfach nur “langhaarige Bombenleger”. Ab Ende der 90er Jahre kam ein neuer Typus in die grüne Partei hinzu. Es war das Chamäleon Joschka Fischer, dass seine praktische Wandelbarkeit bewies in der Übernahme der ersten Regierungsverantwortung (Regierung Schröder/Fischer). Fischer bewies, dass Grüne auch pragmatische Entscheidungen mit realpolitischer Attitüde bewältigen konnten (Kosovo-Krieg, Hartz IV Reformen). Jürgen Trittin handelte den Atomausstieg aus wie ein Managertypus. Und dieser Pragmatismus strahlte nach außen aus, er lockte einen neuen Typus von “Realo”-Politiker an, der auch mit dem Hintergrund BWL oder VWL reüssieren konnte und Liberalen wie progressiven Konservativen die Hand reichen konnte. So entstand also neben der Koalition mit dem offensichtlichen Wunschpartner vieler Gründungsgrüne, die “Brandt-SPD”, auch eine Fraktion, die stark am konservativen Pool saugen konnte. Schwarz-Grün wurde für viele Konservative, die den engen Stallgeruch der Kohl-Ära gerne loswerden wollte, zur geheimen Wunschpaarung.

Dass aber die Grünen ab 2010 bei den Demoskopen so mächtig zulegen konnten , das ist vor allem Angela Merkels neuer Führung der CDU zu verdanken. Eine große Gruppe von Akademikern, die früher aus wirtschaftlichen Gründen oder aus Opportunismus heraus in der CDU war, fühlte sich stets dort eher notgedrungen dort aufgehoben – ihre Themen waren Gerechtigkeit, individuelle Rechte (auch hier Teil der Identitätspolitik), Toleranz oder Fairness. Diese weiter zu verwirklichen war unter den CDU/CSU-Anhänger oder FDP Sympathisanten schwierig, welche auf mehr familiäre Werte, Loyalität und Respekt setzten. Bei den Grünen gab es dafür einen Freiraum, um diese Themen zu platzieren und dennoch wirtschaftsfreundlich zu sein. Enke und Polborn behaupten, dass die Loslösung dieser Gruppe aus dem konservativen ins linke Millieu schlicht und einfach mit der Einkommenshöhe zusammenhängt. Wer sich ums täglich Brot sorgt, ist für moralische Themen weniger empfänglich als derjenige, der Geld und Zeit hat, sich für seine moralischen Überzeugungen einzusetzen. Wie eine große Blase von 5-10% des Wählerpotentials löste sich dieses Segment von einer stark nach links driftenden Stamm-CDU zu der hauptsächlich linken Wählergruppe der linken Grünen. Im Spitzenpersonal der Grünen fand diese Gruppe aber eher weniger erfolgreich einen Platz. Besonders einfach wurde dies, weil die Grünen sich nicht mehr als Sit-In für Diskurse und Häkeln für den Frieden inszenierten, sondern etwas wie “grüner Lifestyle” erfunden wurde. Wer in der Stadt Gemüse sät, Lastenrad fährt und Genderthemen unterstützt, der fühlt sich als Grüner rundum einverstanden mit sich selbst. Da kann er im Hauptberuf genauso an der Universität arbeiten, Ärztin sein oder Programmierer. Dieser grüne Unterstützer kümmert sich um die Welt, große Ganze, eher nicht das Kleinklein. Er kann geradezu nicht verstehen, wieso man nicht dafür ist, für Windräder, für Solar und den neuen Tesla. Andere, so wird dann in der Gruppe gemeint, “sind einfach noch nicht soweit.” Mit Distinktionsgewinnen und Schelte auf das rechte Lager stabilisiert die eigene Gruppe. Der Graben zur CDU wird, erst recht in der Ampel-Koalition ab 2021, wieder tiefer.

Wer also heute Grün ist, der muss gar kein Fundi mehr sein. Er kann das als Realo auch tun und als Wähler kann er sogar nur oberflächlich mit ihnen verbunden sein (“Ich finde die Bärbock schon sehr attraktiv”). Hier sind Personen, Ihre Wirkung und Ihre Art Politik erlebbar zu machen (siehe Bärbock/Habeck) dann ausschlaggebender als das Programmatische. Der grüne Wähler ist vielleicht überzeugt von Werten wie Gerechtigkeit und Toleranz, ihm ist das wichtiger als familiäre oder kollektive Werte wie in der CDU. Er oder sie mag empfänglich sein für Steiner, aber eigentlich ist das unwichtig, denn im Alltag bringt dieser Typus das Label Demeter mit Steiner gar nicht zusammen. Denn als Lifestyle-Grüner und Karrierist bietet sich jetzt ein neues Spektrum ab, für die die SPD zu kleinbürgerlich war und die CDU zu miefig. Die Karrieren, die diese Gruppe sucht, sind anders: Weniger geht es um die jahrzehntelange Karriere in Konzernen, das geht nicht mit den moralischen Bedenken und Suche nach Sinnstiftung einher. Wichtiger ist ihnen Worklife-Balance, Home Office und nicht zuviel Arbeit wie noch in der Generation der Eltern. Eine gesunde Psyche, ein Campingmobil in intakter Natur, eine gut besuchter Instagram-Account, dass sind größere Werte für diese Generation.

Wenig verstecken können die Grünen aber auch, dass der typische Vertreter Ihrer Politik ein Staatsdiener ist. Denn auch als Beamter lässt sich in Deutschland sehr gut verdienen, der Stress begrenzen und gewisse Karrieren einfach machen schon durch Anwesenheit. Sinnhaftigkeit ist gegeben, also werkelt man im öffentlichen Bereich daran, der privaten Wirtschaft naturfreundliche Regulierungen aufzudrücken. Eine grüne Karriere kann also ein Amtsleiter sein, das mag der Lehrer sein, dass kann die Gleichstellungsbeauftragte im Rathaus sein oder auch der regionale Solarteur, der mit grüner Note besonders glaubwürdig seinen Vertrieb unterstützt. Es kann aber auch der empathische, sinnsuchende Banker sein, der in Opposition zu seinem Arbeitgeber handelt oder der Vertriebsbeauftragte für einen Maschinenbauer im Rüstungsbereich, der eigentlich lieber PV-Module verkaufen will.

In diesem Raum haben die Grünen ein gewisses Wachstumspotential, sind aber natürlich auch nach links und rechts begrenzt, wenn andere Parteien Ihr Profil wieder schärfen. Das ist aktuell eindeutig das Problem der CDU, sie ist unter Merkel stark nach links gedriftet und muss nun, wenn sie unter Merz versucht Ihr Erbe aufzuwärmen, in einem kleineren Teich schwimmen und die ganz konservativen von der AfD wieder loseisen. Merz will konservativ neu stärken, um dann auf Grün zuzugehen – dabei merkt er selbst, wie diffus seine Partei unter Merkel geworden ist. Ihr Profil ist extrem unklar, sie ist wie ein großes, leckgeschlagenes Schiff. Unter der aufgeräumten Oberfläche weiß keiner mehr so genau, was neben Anzugsträgern noch inhaltlich typisch für die CDU ist. Wie man aber junge Wähler bekommt, dass wissen Grüne und FDP einfach besser mit dem Mut zur Differenzierung: Eine klare Marke braucht man. Ob knallig grün oder fett Magenta auf gelb, es darf auffallen und das tut es auch. Bei den Grünen ist der Markenkern mit seinem Auftritt besonders klar verwoben. Hier dienen die Grünen gerne ganz prägnant mit Ihrer Farbe Grüne: Viele junge Menschen sind vor allem stark durch das Klimathema motiviert, für sie stehen berufliche Karriereerwägungen nur dann im Vordergrund, wenn sie gleichzeitig sinnstiftend sind. Und das Klima zu retten wird mehr und mehr zum gemeinsamen, großen Nenner. Die Grenze bei den jungen Wählern ist für einige überraschend weder SPD oder CDU, es war bei der letzten Bundestagswahl die FDP. Sie hat bewiesen, dass Themen wie Digitalisierung und Erfolg für eine anderen Gesellschaftsteil positiver und wichtiger sind als die Kernthemen der Grünen – man kommt sozusagen ohne den Mantel “Klimaschutz” und Naturromantik weit, aber man bekommt bislang nicht soviele Personen unter einen Hut wie die Grünen das schaffen. Dafür ist wohl Digitalisierung schlicht für einige Gruppen unattraktiv (Frauen) oder einfach schwer zu bebildern (eine Sonnenblume sagt einfach mehr als eine Code-Zeile). Und es sei an dieser Stelle nicht vergessen: Grün und Gelb waren bei der letzten Wahl fast gleich erfolgreich in der jungen Zielgruppe.

Der Quell der besonderen Natur und der Sterne – Steiner und die Anti-Moderne

Soviel die Grünen mit den Themen der Gegenwart konfrontiert sind, so sind Alternativmedizin, Energiepolitik oder Ernährung Themen, die schon vor über 100 Jahren ausdiskutiert wurden. Der Veganismus war eine Erfindung symbolisch gegen die menschliche Gewalt des 2. Weltkrieges, der Vegetarismus in indischer Kochweise hatte schon die Beatles begeistert. Die Alternativmedizin hat immer neben der Medizin existiert, führte aber bis zur Erlaubnis durch die Nationalsozialisten ein eng eingegrenztes Nischendarsein (Quacksalbertum). Technologisch gesehen sind Windräder nichts anderes als die Windmühlen, eine uralte Form der Technologie. Auch PV-Module gibt es faktisch seit dem 18. Jahrhundert, nichts neues ist also an Ihnen. Atomkraft, Fusion oder Wasserstoffwirtschaft wirken dagegen wie technische Zukunftsutopien, sozusagen das Gegenstück zur Alternativform. Zwar sagen die Unterstützter dass Ihre Lösung ein Teil der Zukunft ist, aber immer wirkt ein gehöriges Stückchen Vergangenheit mit. Alternativmedizin oder Waldorf, sie wirken wie besondere Minderheiten, die sich im Mantel der grünen Bewegung befreit haben und nun nach mehr trachten: Sie wollen auch missionieren, denn sie haben viel mit Glauben zu tun und wenig mit den Fakten, die für eine “normale” Schule oder normale Medizin doch als gesichert galten.

Der Geist Rudolf Steiners, anfänglich eine kleine Minderheitsbewegung, hat sich von den Waldorf-Schulen und bekannteren Vordenkern der Szene, zunehmend verbreitet. Jedoch nicht in seiner strengen Form, sondern in vielen Teilaspekten von Lebensmittelproduktion (Demeter) bis hin zur Mitarbeiterführung (DM-Drogeriemärkten). Der besondere Reiz scheint besonders im Zeitgeist aufzublühen: Eine Antiform zur beschleunigten Industriewelt, abgeschieden, naturverbunden, beruhigend und entspannend. Die Natur in Ihrer reinen Form wird als belebend und heilend wahrgenommen. Offensichtlich ist die Perspektive eines modernen Menschen hier einzunehmen, denn von der Warte urbaner Ballungsräume werden abgeschiedene Naturräume und Wildnis als besondere Sehnsuchtsorte deklariert. So ist dann auch beim Konsumverhalten das “Natürliche”, das “Nachhaltige” und “Authentische” das Gesuchte, denn diesen Objekten steht das Attribut zu, auch die Seele zu stärken. Es ist ein geradezu absurder Zirkelschluss, doch obwohl die Menschheit noch nie so alt und so gesund war, die Medikamente noch nie so hilfreich und die Medizin so effektiv, konzentriert sich die Kritik ausgerechnet an der Moderne. Es ist ein Anti-Moderner Geist, der den Abkömmlingen Steiners innewohnt. Und in Gegenden wie Südwestdeutschland, wo die Beschleunigung und Industrie so großen Wohlstand schafft, sitzen auch die großen Kritiker dieser Entwicklung. Nicht unberechtigt ist die Kritik, dass diese Bewegung besonders wohlfeil ist, weil sie ohne die Segnungen der Industrierevolution nicht zu einer solchen Kritik in der Lage wäre. Nun wird auf Demeter-Höfen der Traktor an die Seite gestellt, der uns den Esel und die Kuh vom Felde schaffte und spannen erneut Tiere vor den Flug, um bei Mondschein streng nach Demeter-Regeln den Naturdünger auszufahren. Dass die Produkte solcher Ernten nicht günstig sind, versteht sich bei der ganzen Handarbeit von selbst. Aber sie enthalten eben eine andere Qualität von Natur, Ihre Essenz in Reinform und da kann man nicht knausern. Klar also auch, wer Teil der Bewegung ist, der muss es sich erstmal leisten können. Wer die billigste Kartoffel sucht, ist hier falsch.

Von der Anti-Moderne schaue ich auf Ihre Religion. So ganz klassisch religiös sind sie meistens nicht mehr, dennoch halten Sie sich durch die richtige Lehre für erleuchtet und glauben, dass können sie mir glauben, glauben tun sie eine ganze Menge. Viel mehr, als Sie und ich wissen, kann man dazu ergänzen. Deswegen vorab: Mit Physik, Mathematik, Chemie und Biologie sind die Erkenntnisse dieser Lehre unvereinbar. Das gilt für die Alternativmedizin in besonderer Weise, aber eben auch jede Disziplin, die stark von den Naturwissenschaften abhängt. Besondere Fans der MINT-Fächer scheinen sich eher selten unter den Grünen zu finden. Das ist kurioserweise sogar durch eine Selbsteinschätzung der Unterstützter der Grünen belegt. So halten diese Wähler sich für besonders schwach im Bereich der Mathematik und der Geschichte. Chemie, Werken, all das ist Ihre Neigung nicht – aber dort, wo soziale und pädagogische Fähigkeiten gefragt sind, wo man viel in Sprache ausdrücken darf (Deutsch, Englisch), da sehen die Grünen Ihre Stärken. Bemühen wir deutsche Geistesgrößen erkennt man eine Diskrepanz zu den wissenschaftlichen Leistungen Plancks, der Einsteins und der Otto Hahns des 20. Jahrhunderts und fühlen eher Verbindungen zu früheren Jahrhunderten, denen von Goethe, Schiller und Hegel, wo sprachlicher Ausdruck der Schwerpunkt der Kultur war. Und dann eben immer wieder, der Goethe-Forscher Rudolf Steiner.

Steiner begründete seine Lehre der “Antroposophie” in einem bunten Mischmasch aus dem deutschen Idealismus, Weltanschauungen Goethes und einer fetten Portion christlicher Mystik. Und selbst wenn die christlichen Kirchen Ihren Einfluss verloren, so blieb der Eindruck der Lehre Jesu Christi im deutschen Sprachraum erhalten. Mit der Gnosis als einer Art Kitt stattete er diese Lehre mit viel Okkultismus aus. Steiner selbst hielt sich für einen Hellseher, der mit “Hellseherorganen” ausgestattet sei und so die geistige Welt erforschte. So schaffte es die Anthroposophie viel von der Mystik und dem Okkulten früher Religionen zu bewahren, die für Menschen so faszinierend wirken – fast wie eine Zaubershow. Steiner trennt seinen Denken nicht so hart von der Aufklärung, die seine verklärte Form des Glaubens ablehnen muss. An dieser Stelle ist es gar nicht mehr so nötig, noch tiefer in die Besonderheiten der Steinerschen Lehre einzugehen. Entscheidend ist es zu begreifen, dass der Konflikt im Kern schon erkennbar wurde. Die Anhänger der Steinerschen Lehre vertreten Ideale, die im Kern Anti-Modernistisch wirken und nicht auf einer tiefen Neigung zu den Naturwissenschaften fußen. Zwar sind bei weitem nicht alle Anhänger der Grünen auch Kenner der Lehre Steiners, aber als Lehre wirkt nur dass, was ausformuliert und konsistent einem nur kleinen Kern gelehrt wird, der dann im Goetheanum sitzt und denkt. Schauen wir auf alle Herausforderungen, die der moderne Mensch sucht zu lösen, so kann er dies in gewisserweise technologisch tun oder auch nur von Mensch zu Mensch, von Natur zum Mensch oder vom Mensch zur Natur gedacht. Technologie im großen Massstab erscheint damit schwer vereinbar. Und damit ist zum Teil schon erklärbar, warum ein Kernkraftwerk für die Grünen ein dermaßen rotes Tuch erscheint.

Für Religion spielt auch die Abwehr des Schlechten oder Bösen eine Rolle, damit die Hinwendung zum Guten gelingt. Selbst wenn es bei Steiner verkleistert ist, auch dort ist der Gott gut und der Mensch ist zu erwecken, den gelähmt wird er im Jetzt. Und das Instrument, es zu erzählen, ist immer noch die Angst. Angst vor dem weltlichen Ende, vor der Qual, vor dem Tod der eigenen Kinder. Steiner war in seinen frühen Jahren ein Mann, der keinen Lebensplan mehr hatte – er war früh gescheitert, um dann den neuen Pfad wieder zu nehmen.

Rudolf Steiner - Sterne sprachen

Rudolf Steiner – Sterne sprachen

Der eigentliche Schaden des Globuli ist die Aufklärung

Wenn wir also sagen, nimm ruhig dass Globuli, es richtet keinen Schaden an, dann ist der Schaden für alle nicht, dass wir damit diese Heilslehre darin unterstützen. Der Schaden liegt darin, dass wir unsere eigene Aufgeklärtheit, unsere Erleuchtung darüber, dass wir wissen wie Medikamente wirken, wie der Körper funktioniert und was die Natur von Pharmazie ist, leugnen. Der Geist der Antimoderne bevorzugt den Mythos, die Unaufgeklärtheit, das Esoterische. Fragen Sie mal Joseph Beyus nach Bienenwachs und Honigpumpe, dann werden Sie mit etwas konfrontiert, was Sie vollkommen außerhalb unseres Denkens verortet dachten. Diese Debatte wird in anderen Bereichen genauso geführt, bspw. mit der Atomenergie.

Atomkraft war eine Debatte aus den 80ern, die Ihren Höhepunkt in den Monaten nach dem Tschernobyl-Unfall von 1986 hatte. Angst und Sorge vor nahenden Strahlenschäden belasteten Deutschlands über lange Wochen. Doch was für die Separatoren vor Ort den Tod brachte, kam nie zu uns. Die Strahlenschäden waren gering, es starben nur Menschen unmittelbar in der Nähe des Reaktors und im Verhältnis zur Größe des Ereignisses kann man kaum glauben, wie wenige Menschen damals starben. Gleiches übrigens bei Fukushima, hier kann ein Toter in direktem Kontakt mit dem Atomunfall genannt werden. Die immer wieder auftauchende Zahl von 18.500 Toten wurde aber vom Taifun erzeugt, der auch das AKW havarieren ließ. Faktisch, so verrückt es klingen mag, sind in Deutschland viel mehr Menschen gestorben beim Aufbau von Windrädern als durch Atomunglücke.

Die Gegner der Atomenergie ficht die Statistik aber nicht an. Seitdem Unglück von Tchernobyl hatten sich die Argumente der Gegner nicht mehr geändert, Ihre Hauptkritikpunkte waren die Sicherheit (die nicht zu gewährleisten sei) und die damals undenkbare Entsorgung der radioaktiven Strahlenreste (Atommüll). Als Gegenentwurf entstand die Atomsonne (Atom-Nein Danke!) nicht zufällig, denn in der Solarenergie vermuteten einige schon früh einen veritablen Ersatz. Windkraft spielte erst eine untergeordnete Rolle wie auch Biogas, auch sie sind Technologien, die wir mit Ihren Vor- und Nachteilen argumentieren müssen. So ist es bei Energie eigentlich immer, jede Form hat externe Effekte. Der Ausstieg der Atomkraft wurde in der ersten Rot-Grünen Regierung unter Gerhard Schröder beschlossen, basierend auf Reststrommengen, die den AKWs noch zugeteilt wurden. Das Kabinett Merkel dann verlängerte 2010 zunächst die Laufzeit, um dann überfallartig nach dem Atomunfall 2011 in Fukushima einen beschleunigten Ausstieg zu beschliessen: 2022 ist endgültig Schluß! Eine Landtagswahl in Baden-Würtemberg stand gerade ein, die die CDU krachend zu verlieren drohte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dennoch gewannen die Grünen unter Wilfried Kretschmann erstmals ein bedeutsames Bundesland. Das Thema Ausstieg galt politisch als abgeschlossen. Bis zum Energiekrieg mit Russland, der durch die Wehen des Ukraine-Krieges ausgelöst wurde. Doch hierzu hat sich zwischenzeitlich ein weiteres Argument gesellt mit hoher Schlagkraft: Der Klimawandel. Grund für die Renaissance der Atomkraft in allen europäischen Nachbarländern von den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Czechien oder der Schweiz. Überall haben die Politiker entschieden, dass Atomenergie als CO2-arme Energieform ein Weg ist, die Energiewende gemeinsam mit Erneuerbaren zu gestalten. Atomkraft als stabile Grundenergie, die auch in Dunkelflauten verlässlich liefert und keine Speichertechnologien braucht, die es bis dato nicht gibt.

Die große Veränderung der Wahrnehmung des Problems des Klimawandels begann erst so ab 2006, als der ehemalige Vizepräsident der USA, Al Gore, mit seinem Dokumentarfilm “An inconvenient truth” (Eine unbequeme Wahrheit) das Thema in der Öffentlichkeit erstmals verankerte Die Schulstreiks von Greta Thunberg ab 2018 (dachten wir nicht, sie streikt schon viel länger?) gaben dem Thema Klimawandel medial immer mehr Priorität auch in den politischen Prozessen. Das Pariser Abkommen (“Paris Accord”) über die Reduzierung von CO2 zur Erreichung des 1.5 Grad Zieles (Begrenzung der Erderwärmung gemessen von heutigen Durchschnittstemperaturen) markiert die ersten Ergebnisse dieses Prozesses. Als Institution der Wissenschaft wurde der Weltklimarat eingerichtet (IPCC), dessen Bericht den Stand der Wissenschaft wiedergeben soll und für jeden Menschen zugänglich ist. Er unterstützt Erneuerbare Energie, um die Ziele zu erreichen und auch …. Atomkraft. Da für Atommüllentsorgung genauso Antworten gefunden werden konnten wie für den sicheren Betrieb, müssten die Grüne doch eigentlich erkennen können, dass ein neuer Umgang mit Atomkraft möglich ist. Defacto ist das nicht erkennbar, die Grünen verweigern sich dem Thema in Deutschland vollständig und sich unbeweglich. Sie bieten aber auch keine Lösung an, die praktisch in den nächsten Jahren die Energieversorgung befriedigt außer….ausgerechnet Kohle! Neu bei den Grünen zum Thema Atom ist dann wenig verwunderlich die Lüge. Wer nicht mehr die Realität zu seinen Überzeugungen passend vorfindet, der lügt, der erfindet unüberwindbare Hindernisse (“Uran reicht nicht mehr lange”, “Endlagerung nicht gelöst”, “Strahlentote jedes Jahr”, etc.). Kulturkämpfe sind eine schwierige Angelegenheit.

Wohin führen uns die Grünen? Wenn Angst motivierte Ideologie und Moral wichtiger ist als die Erreichung der Ziele nach wissenschaftlichen Kriterien, wenn die Propaganda immer weniger fundiert ist in der Realität? Wie können gebildete Menschen dennoch wichtige Themen Ihres Bildungswege emotional verleugnen? Wie kann es sein, dass Sie in einer großen Gruppe “ahnen, dass Ihnen durch Lobbyismus viel böses angetan wird”, sie selbst aber eine viel größere Gruppe sind als diejenigen, die sie beschimpften? Sie sind die eigentliche Lobby geworden, sie beeinflussen die Medien, die Politik und auch die Wissenschaft.

Es wird Schaden angerichtet, die Antimoderne gestützt und die Aufklärung reduziert. Man sollte einfach weiter als Realpolitiker aufklären: Dass die Utopie ein Alptraum ist, dass wir heute pragmatisch und innovationsorientiert sein sollten. Wir sollten nicht die Zukunft bauen aus Rezepten der Vergangenheit, leugnen dass viele Innovationen eben noch gar nicht entstanden sind. Technikfeindlichkeit, Geschichtsvergessenheit, Estoreik, dass mag die Seele manchmal stützen, es ist kein Rezept für die Gesellschaft.


Ich sage für heute Goodbye mit Joseph Beyus: “Sonne statt Reagan” 1982 – seine Kunst gefiel mir dann doch weitaus besser als sein Gesang!

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